DIE ZEIT: Herr Dehm, waren Sie jemals ein gewalttätiger Mensch?

Diether Dehm: Eher nicht, ich hatte da ’ne Art innerer Sperre. Sicher, ich war in den sechziger und siebziger Jahren auf vielen harten Demonstrationen und habe mich bestimmt auch mit Polizisten geprügelt. Aber an einen Stein kann ich mich nicht erinnern. Nein, ich war einer der Juso-Ordner, die den Lederjackentypen um Joschka Fischer auch schon mal einen Stein weggenommen haben. In einem ähnlichen Gewaltrausch habe ich auch Andreas Baader erlebt. Irgendwie abstoßend.

ZEIT:Andreas Baader, der RAF-Terrorist?

Dehm: Ja, der wohnte gelegentlich in Frankfurt im Walter-Kolb-Studentenwohnheim am Beethovenplatz, in dem ich als 19-jähriger SDSler auch lebte. Damals Tür an Tür mit dem anderen Kaufhausbrandstifter Horst Söhnlein, einem freundlichen Menschen. Einmal habe ich da auf der Kellertreppe einen Streit zwischen Baader und einem Dozenten erlebt, der Baader frech widersprach, obwohl er ihm und seiner Gang körperlich überhaupt nicht gewachsen war. Plötzlich kriegte er einen Schlag auf die Nase, kniete am Boden, suchte die kaputte Nickelbrille. Dieses Bild hatte ich lange vor Augen, wenn ich den Namen Baader hörte.

ZEIT: Sie haben einmal gesagt: "Es gibt Normalitätsnormen, die ich hasse." Was meinen Sie damit?

Dehm: Wenn Politik vorm sogenannten gesunden Menschenverstand einknickt. Wenn Menschen am Stammtisch sich schnell darüber einig werden, was man an einem verdächtigten "Kinderschänder" exekutieren muss, mit Flüchtlingen oder einem Beschuldigten, der gerade durch die Medien gezerrt wird. Oder heute durch Shitstorm-Lynchjustiz auf Facebook. Dann spüre ich einfach so einen spontanen Neinsage-Reflex. Fast automatisch. Ich erinnere mich, als Gregor Gysi zu Hochzeiten der "Schwarze-Kassen-Affäre" von Helmut Kohl laut sagte: Auch wenn alles auf der Hand liegen mag, solange der Kohl nicht verurteilt ist, gilt auch für ihn die Unschuldsvermutung. Da war ich richtig stolz auf Gysi.

ZEIT: Christian Wulff wurde vom Stammtisch und vom öffentlichen Pranger aus dem Amt getrieben, aus nichtigen Gründen, wie man heute weiß. In Niedersachsen waren Sie Landesvorsitzender der Linken – und der damalige CDU-Ministerpräsident Wulff war Ihr Hauptgegner. Heute erklärt Wulff, Sie seien dann in jenen schlimmen Tagen sein Freund geworden. Stimmt das?

Dehm: Natürlich stimmt das. Obwohl bei ihm und bei mir Parteifreunde oft den Kopf darüber geschüttelt haben.

ZEIT: Wie kam’s?

Dehm: Es gab einen gemeinsamen Künstlerfreund, der rief mich an. Er schilderte, in welcher existenziellen Krise der frühere Bundespräsident nach seinem Rücktritt gesteckt hat,und brachte ein gemeinsames Abendessen zustande. Er war der Ansicht, dass ich Christian Wulff vielleicht aus dieser Krise heraushelfen könnte.

ZEIT: Warum gerade Sie?

Dehm: Vielleicht gerade weil ich ein politischer Gegner war. Und weil ich 1995 in meiner sogenannten Stasi-Affäre selbst eine heftige Krise durchgemacht hatte. Ich wusste damals eine Zeit lang gar nicht, ob ich überleben werde. Und wollte. Ich meine das im Wortsinn. Ich hatte mir ins Dachgebälk eine Schlinge gehängt: Da – du kannst jetzt sofort da raus! Das habe ich so Christian Wulff geschildert.

ZEIT: 1995 hatte Sie der Liedermacher Wolf Biermann, dessen Manager sie elf Jahre lang waren, im Spiegel als Stasi-Spitzel bezeichnet, der ihn verraten habe. Biermann behauptete, Sie hätten ihm das 1988 in einem Vier-Augen-Gespräch gestanden.

Dehm: Das war und ist eine Lüge. Ich habe ihm schon deshalb nie Derartiges gestanden, weil ich nie Stasi-Spitzel war. Biermann deklamierte sogar theatralisch, ich hätte ihn im Auftrag der Stasi gemanagt.

ZEIT: 20 Jahre danach können wir die Wahrheit in diesem Gespräch nicht klären. Biermann blieb immer bei seiner Aussage. Sie sagen, Sie seien von der Stasi, ohne es zu wissen, abgeschöpft worden.

Dehm: Ich zeige Ihnen mal den Fahndungsbefehl der Stasi gegen mich. Wegen meines Eintretens für Biermann und Bahro. So steht das da.

Er holt aus seiner Tasche ein vergilbtes Dokument – aus seiner Stasi-Akte. Es soll belegen, dass die Stasi ihn in die Einreisefahndung legte, weil er zur Zusammenarbeit nicht bereit gewesen sei.

ZEIT: Uns interessiert: Warum hat Sie der Stasi-Vorwurf so getroffen, dass Sie an Suizid dachten?

Dehm: Weil sich viele meiner Künstlerfreunde und viele Sportler, die ich gemanagt habe, durch Biermanns Falschaussage gefragt haben: Wenn der den Biermann verraten hat – hat er das mit mir vielleicht auch gemacht? Vertrauensverhältnisse waren zerstört. Plötzlich aber stand ich da als feiger Verräter am Pranger. Ich bin gebürtiger Frankfurter, ich liebe meine Stadt, aber damals bin ich für immer weggezogen. Ich war ja 33 Jahre in der Frankfurter SPD gewesen, in leitenden Funktionen, im Bundestag, im Parteivorstand als Bundesvorsitzender der Unternehmer. Und plötzlich tauchten einige Genossen im Fernsehen auf und sagten: Das war mir immer schon klar, dass der ein Ostspion war.

ZEIT: Wie kommt man raus aus so einer Krise?

Dehm: Freunde. Viel Rotwein. Bruce Springsteen. Billy Joel. Und sehr, sehr viel Tolstoi.