Zehn Tage vor William Shakespeare starb der 69-jährige Miguel de Cervantes am 23. April 1616 in Madrid. Der Engländer und der Spanier, Angehörige zweier damals aufs Allerinnigste verfeindeter Nationen, thronen 400 Jahre später friedlich beieinander auf dem Autoren-Olymp, als Gründerväter der europäischen Literatur. Doch bei genauerem Hinsehen will einem ihr posthumes Schicksal gar nicht so ähnlich erscheinen. Shakespeares Dramen werden auf allen Bühnen der Welt bis heute gespielt; ihnen kann kein Theaterbesucher entgehen. Hingegen sieht die Lage bei Cervantes anders aus: Seinen Ruhm verdankt er seinem Roman Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha, von dem 1605 der erste Band und zehn Jahre später der zweite erschien. Sogleich wurde das Buch in seinem Heimatland ein Bestseller, bis heute ist es ein internationaler Klassiker, mit Bewunderern von Heine bis Nabokov. Aber wer kennt diesen Roman wirklich in seinen vielfältigen Ebenen, Bezügen, Abschweifungen, uneindeutigen Erzählweisen und Irrlichtereien? Die kollektive Erinnerung, befördert durch zahlreiche Verfilmungen und Jugendbuchfassungen, beschränkt sich vielleicht zu sehr auf die Verrücktheiten des ehrenwerten Don Quijote, der auf seinem Ross Rosinante und mit seinem braven Knappen Sancho Pansa das Land durchstreift. Es ist einer jener Klassiker, die man zu kennen glaubt, auch wenn man sie nicht kennt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.

Wie kann man sich einen solchen Mega-Roman erhören? Vor sechs Jahren hat Regisseur Klaus Buhlert, der Meister der akustischen Klassikervergegenwärtigung, ein herausragendes, mit sechs Stunden relativ knappes Hörspiel aus dem Stoff inszeniert. Buhlert stützte sich dabei auf die hochgelobte Neuübersetzung von Susanne Lange. Jetzt, pünktlich zum Cervantes-Jubiläum, kann man den Roman in zwei weiteren Varianten erleben. Christian Brückner hat, basierend ebenfalls auf der Lange-Übersetzung, eine 48-stündige Komplettlesung vollbracht, wahrlich eine ritterliche, dem geistvollen Hidalgo würdige Leistung. Zum anderen stammt aus den Archiven des NDR eine 1984 von Hans Paetsch eingelesene, auf 15 Stunden gekürzte Fassung, die auf der klassischen, um 1800 entstandenen Übersetzung von Ludwig Tieck basiert. Der Vergleich dieser beiden Hörfassungen lohnt, weil zwei herausragende Sprecher die Sache ganz unterschiedlich angehen.

Der Schauspieler Hans Paetsch (1909 bis 2002) war jahrzehntelang Ensemblemitglied des Hamburger Thalia Theaters, und er gehörte zu den prominenten Vorlesern der Nation, nicht zuletzt dank vieler Märcheninterpretationen. Der Mittsiebziger erzählte nun sein Märchen von Don Quijote: in männlich timbrierter, leicht rasselnder Stimme, sehr launig und lebhaft, dramatisch und sehr komisch, mit Witz und Ironie, in angenehmer Theatralik, die von ferne an Rolf Boysen erinnert. Er schaut auf seinen Helden gleichsam mit einer alles sehenden Kamera von oben: Er kennt dessen Geschichte und will uns das Staunen über diese merkwürdige Gestalt ermöglichen. Paetsch gelingt damit höchste Vorlesekunst, weil er uns für Don Quijote und seinen Gesellen erwärmt.

Auch der 1943 geborene Christian Brückner ist eine Sprecherlegende, berühmt als Synchronstimme in zahlreichen Filmproduktionen, seit vielen Jahrzehnten auch als Vorleser. 2012 bekam er den Deutschen Hörbuchpreis für seine Lebensleistung; in seiner von ihm und seiner Frau betriebenen edition parlando veröffentlicht der unermüdliche Brückner seine Interpretationen. Nun also sein Don Quijote und er macht es ganz anders als Paetsch. Denn er ist ein neugieriger, rätselnder, selber vom Stoff faszinierter Vorleser, mit seiner markant heiseren Stimme begibt er sich auf eine Expedition durch diesen Roman – allzeit bereit für eine Überraschung auf der nächsten Seite. Das ist schwieriger als für Paetsch, denn bei der Komplettlesung muss sich der Sprecher den zahllosen Rollenwechseln, Textgattungsänderungen und Perspektivverschiebungen bei Cervantes stellen. Das gelingt Brückner auf eine besondere Weise: Er bietet eine Nachdenklichkeit, die mit Pausen und Verzögerungen korrespondiert. Die Komik von Cervantes kommt nicht zu kurz, allerdings in einer intellektuellen Variante: Brückner erforscht die Abseitigkeiten der menschlichen Seele und das bis heute faszinierende Ineinandergleiten von Fiktion und Realität. Denn schließlich ist sein Held ein armer lesehungriger Landedelmann, der über der Lektüre von Ritterromanen – sie waren die enorm populären Serien des 16. Jahrhunderts – den Verstand verloren hat: "Sein Kopf bevölkerte sich mit dem, was er in den Büchern fand." Akustisch wiederholen sowohl Brückner als auch Paetsch jenes Kunststück von Cervantes, ohne direkte Schilderung Landschaft und Atmosphäre heraufzubeschwören. Flaubert staunte schon 1853: "Man sieht sie vor sich, diese spanischen Wege, die doch nirgendwo beschrieben werden!"

Miguel de Cervantes: Don Quijote von der Mancha. Gelesen von Christian Brückner; edition parlando, Berlin 2016; 4 mp3-CDs, 48 h 25 min, 29,99 €

Miguel de Cervantes: Don Quixote von la Mancha. Gelesen von Hans Paetsch; Der Hörverlag, München 2016; 2 mp3-CDs, 15 h 18 min, 29,99 €