Gescheiterte Staaten sind nun für Europa nichts Fernes mehr: Ob Irak, Syrien oder Libyen, die Flüchtlingskrise hat den Staatszerfall sehr nah herankommen lassen. Fern aber ist für die europäische Vorstellungswelt immer noch, was die Amerikaner bereits seit Langem erleben: der stete Zustrom der Menschen von nebenan. Mit der Unerträglichkeit dieser unmittelbaren Nachbarländer beschäftigt sich nun Óscar Martínez, der als einer der angesehensten investigativen Journalisten Zentralamerikas gilt. Warum seine Reportagen auf ElFaro.net, dem ersten Online-Magazin Südamerikas, preisgekrönt und aufsehenerregend sind, macht die Lektüre seiner Geschichte der Gewalt fühlbar.

Der Reportagenband ist in drei Kapitel unterteilt, die kausal miteinander verknüpft sind: Von der Einsamkeit handelt der erste Teil, der vor Augen führt, was geschehen kann, wenn die Regierung sich aus Regionen zurückzieht oder sich mit dem organisierten Verbrechen arrangiert. Es geht um die gravierenden Folgen für die Menschen in Ländern wie Guatemala, Honduras, El Salvador oder Nicaragua, die von den Transitrouten des internationalen Drogenhandels durchzogen werden und gezeichnet sind von den höchsten Mordraten der Welt.

Von dem Wahnsinn, der den Alltag prägt, berichtet der zweite Buchteil, und hier veranschaulicht Martínez die extreme Gewalt, die entsteht, wenn der Staat sein Gewaltmonopol nicht durchsetzt, ob in den Gefängnissen, beim Kronzeugenschutz oder ungehemmt in der Brutalität der Drogenbanden. All dem zu entkommen ist das Fluchtmotiv von Millionen Menschen. Auf ihre Spuren begibt sich Martínez im dritten Teil seiner Darstellung vom Leben und Sterben in Zentralamerika. Da ist die Geschichte von sechs Salvadorianern, die versuchten, über Mexiko in die Vereinigten Staaten zu gelangen, aber Opfer des Massakers von Tamaulipas wurden, wo im August 2010 Bandenmitglieder 72 lateinamerikanische Migranten erschossen. Er berichtet von den unzähligen Frauen, die verschleppt werden, um sie sexuell auszubeuten, es geht ihm um das Schicksal von Migranten, die an Menschenhändler verkauft oder gezwungen werden, Drogen in die USA zu schmuggeln. Ihnen allen widmet Martínez ein Buch, das nicht sensationslüstern auftrumpft, sondern feinsinnig beschreibt, was das Scheitern eines Staates für seine Menschen bedeutet.

Óscar Martínez: Eine Geschichte der Gewalt. Leben und Sterben in Zentralamerika; a. d. Spanischen von Hans-Joachim Hartstein; Kunstmann Verlag, München 2016; 300 S., 24,95 €