Am Anfang war das Wetter schuld. Als im Januar 2012 der Prototyp des Hiriko Fold, eines revolutionären Elektroautos aus dem Baskenland, vor dem damaligen EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso präsentiert werden sollte, ging es keinen Zentimeter vorwärts. Stattdessen stand eine Schar hoch qualifizierter Ingenieure in den Räumen der Europäischen Kommission und versuchte mit Föhn und Decke, die sensiblen Bauteile zu trocknen.

"Es war zwecklos", erinnert sich Fernando Oharriz, damals einer der leitenden Ingenieure des Hiriko-Projekts. "Das war ein Labor-Prototyp, der niemals die Werkstatt hätte verlassen dürfen." Die Feuchtigkeit in Brüssel hatte die Elektronik beschädigt. "Wir hatten noch Glück, dass es nicht angefangen hat zu brennen." Barroso nannte das Auto dennoch "ein Beispiel dafür, wie intelligent Europäische Sozialfonds verwendet werden können". Ständig neben ihm: Jesús Echave, der Chef des Hiriko-Konsortiums. Heute steht dessen Name in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft – es geht um Betrug, Veruntreuung, Geldwäsche.

"Verliebt" seien sie gewesen in das Projekt, sagt Ingenieur Oharriz rückblickend. Vielleicht auch etwas naiv. Wahrscheinlich aber vor allem hoffnungsfroh. Denn der Hiriko versprach die großen Probleme unserer Mobilität zu lösen. Er sollte günstig, umweltfreundlich und platzsparend sein. Ein urbaner Alleskönner. Sein Scheitern zeigt im Kleinen, warum eine gute Idee nicht ausreicht, um ein neues Auto zu bauen. Man braucht auch verdammt viel Geld.

Der Hiriko – Baskisch für "urban" – basierte auf einer Konzeptstudie des renommierten amerikanischen Massachusetts Institute of Technology (MIT) namens CityCar. Und er versprach das Elektromobil für den Stadtverkehr der Zukunft sein. Voll vernetzt, mit knuddelig-rundlichem Design und aufklappbarer Frontscheibe. "Smartphone mit Rädern", sagten sie im Baskenland. Ach was, Räder: Robo-Wheels. Unabhängig voneinander ansteuerbare Hightech-Rollen, in die der Antrieb gleich eingebaut war. Statt Lenkrad ein Joystick. Und das Beste: Zum Parken faltete sich der Hiriko einfach auf die Hälfte seiner Größe zusammen.

Die geplanten Eckdaten lesen sich beeindruckend: Knapp 90 km/h sollte er schaffen, bei 120 Kilometern Reichweite. Und das zu einem Preis von gerade einmal 12 500 Euro. Selbst wenn der Hiriko an jenem Nachmittag in Brüssel keinen Meter weit fuhr – auf die Präsentation mit Barroso folgte der Hype. In der ganzen Welt berichteten Medien über das Zukunftsmobil. Die Geschichte war ja auch zu schön: Auf dem Höhepunkt der spanischen Wirtschaftskrise machten sich einige wackere Basken auf, das Elektromobil neu zu erfinden.

Ganze Flotten des Flitzers wollten sie an Städte und Mobilitätsunternehmen in aller Welt verkaufen, um mit Carsharing Verkehrsprobleme zu lösen. Die Deutsche Bahn war interessiert, ebenso die Stadt Berlin – angeblich auch Hongkong und San Francisco. Quasi nebenbei versprach Hiriko den Kunden noch jede Menge Arbeitsplätze. Denn die einzelnen Module des Hiriko sollten zwar im Baskenland produziert werden. Zusammenbauen wollte man den Wagen dann jedoch in den Städten, wo er eingesetzt werden sollte – der Traum eines jeden Bürgermeisters. Doch so weit kam es nie.

Heute ist das ehrgeizige Projekt ein Trümmerhaufen. Da halfen auch die 20 Millionen Euro Anschubfinanzierung, vor allem aus EU-Mitteln, nichts. Mitarbeiter wurden über Monate nicht bezahlt, der Traum von der Elektromobilität aus dem Baskenland ist geplatzt.

Damit die Entwicklung überhaupt so günstig angeschoben werden konnte – der Bau eines völlig neuen Serienfahrzeugs verschlingt sonst schnell bis zu einer Milliarde Euro –, stand hinter dem Hiriko ein Geflecht von Firmen und Gesellschaftern des baskischen Establishments, die mit Autos bis dahin kaum zu tun hatten. Ihre zentrale Figur: Jesús Echave, ein schwerreicher rennsportbegeisterter Bergbau-Unternehmer mit besten Kontakten in die Regierungspartei PNV, eine Art baskische CSU. Er steht auch im Visier der Ermittlungen, die schon in wenigen Wochen in einem Prozess münden werden. Dann soll geklärt werden, ob es sich bei dem Projekt um geplanten Subventionsbetrug handelte oder einfach nur um Misswirtschaft.

Die Ingenieure warten noch heute auf einen halben Jahreslohn

Der junge Oppositionspolitiker Igor Lopez de Munain von den Linksnationalisten arbeitete sich im baskischen Parlament in einem Untersuchungsausschuss am Fall Hiriko ab. Für ihn ist die Sache klar: Die baskische Regierung hat im großen Stil Fördergelder an parteinahe Geschäftsleute um Echave weitergereicht, die sich damit die Taschen füllten. "Das war eine Plünderung. Das Ziel war von Beginn an, öffentliches Geld über verschiedene Firmen zu waschen und abzuzweigen", meint er. "Ohne selbst auch nur einen Euro investiert zu haben, wollten sie die Gewinne abschöpfen." Die Verluste dagegen trage die öffentliche Hand.

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