DIE ZEIT: Frau Lünstroth, Frau Rosenlöcher, Herr Meyer, Sie sind von Beruf Flugbegleiter. Da kommt man sicher ständig an Orte, von denen wir nur träumen können.

Brigitte Lünstroth: Früher war das schon so. Ich bin ja Ende 60 und habe noch die Zeiten erlebt, in denen wir als Crew ein, zwei Wochen vor Ort blieben, bis der Rückflug ging. Wir bekamen Spesen, wohnten in schicken Hotels, besuchten Museen, machten Bergtouren, gingen Windsurfen. Damals konnte man viele Orte richtig kennenlernen: die Malediven, Mauritius oder Cancún ...

Carsten Meyer: Beneidenswert. Bei easyJet haben wir heutzutage nur zwischen 20 und 45 Minuten Aufenthalt. Da laufen wir durch die Maschine, machen unsere Sicherheitschecks und sammeln den Müll ein. Vom Land sehe ich nichts, ich berühre nicht mal den Boden. Hin und wieder stehe ich auf der Fluggastbrücke, schnuppere und denke: Ah, es duftet nach Blumen und Gräsern – das ist Olbia, Sardinien! Oder: Oh, es riecht nach Hausbrand – das ist Athen.

Roxana Rosenlöcher: Bei Air Berlin sind wir auch meist nur ein paar Stunden vor Ort. Aber die liebe ich: Daheim ist es grau und verregnet, und ich steige in Mallorca aus dem Flugzeug, blinzele in die Sonne und kann kurz an den Strand.

ZEIT: Sonnige Strände, exotische Länder, Fernweh: Haben Sie sich den Job deshalb ausgesucht?

Lünstroth: Ja, klar. Ich habe damals in Düsseldorf gelebt, als Erzieherin. Aber immer, wenn ich mit den Kindern am Rhein war, sah ich Flugzeuge starten und fragte mich: Wohin fliegen die jetzt? Irgendwann habe ich mich als Stewardess bei einer kleineren, innereuropäischen Airline beworben. Und bin später zu Condor und Lufthansa gewechselt, weil man da auf die Langstrecke konnte.

Meyer: Ich bin eigentlich gelernter Journalist und in den Beruf eher so reingerutscht. Als ich vor zehn Jahren bei easyJet anfing, wollte ich nur eine Jobflaute überbrücken. Dann habe ich gemerkt, dass man mit der Fliegerei super aus dem Alltag ausbrechen kann.

Rosenlöcher: Das stimmt. Wir haben keine geregelte Fünftagewoche, sind ständig unterwegs. Alles ist immer wieder neu. Und die Passagiere verströmen schon beim Einsteigen ein Urlaubsgefühl und eine Vorfreude, die einen einfach mitreißen ...

ZEIT: Wobei sicher nicht alle gut gelaunt an Bord gehen. Wie ist das denn bei der Begrüßung: Nutzen Sie die auch gleich, um einzuschätzen: Der könnte Ärger machen – die könnte zickig sein?

Meyer: Na klar. Ich schaue zum Beispiel auf die Körpersprache. Wenn jemand aggressiv ist, geht er eher nach vorne gebeugt, wie auf Angriff getrimmt. Andere sind vielleicht eingesackt und reagieren gar nicht auf mich – da überlege ich, ob sie Flugangst haben und ich später mal nach ihnen gucken sollte.

Lünstroth: Außerdem achtet man auf die Kleidung. Allein schon der Hygiene wegen: Auf Ferienflügen kommen manche fast im Bikini; die schwitzen in die Polster, und der Nächste muss sich dann dort hinsetzen. Denen muss man erst mal sagen: Bitte ziehen Sie ein Hemd an.

ZEIT: Reichlich Handgepäck schleppen wir als Passagiere beim Einsteigen auch fröhlich in die Kabine – und Sie müssen alles unterkriegen.

Rosenlöcher: Normale Taschen und Koffer sind kein Problem, aber wir hatten zum Beispiel mal ein Paar, das wollte auf Mallorca heiraten. Die Frau hatte ihr Hochzeitskleid dabei, ein Teil mit zwölf Unterröcken und Reif und viel Spitze. Und wir haben in kleineren Flugzeugen keine Garderobe. Zum Glück waren wir nicht ausgebucht. Wir haben die Leute so umgesetzt, dass die letzte Sitzreihe frei war, und dort das Kleid drapiert.

Meyer: Bei uns kam auf einem Flug von Venedig mal eine Hochzeitsgesellschaft an, jeder hatte drei Blumenbouquets dabei. Die mussten wir dann unter den Sitzen aller Passagiere verteilen. Ein anderes Mal hatten sich Leute in Italien am Flughafen mit Olivenöl eingedeckt. Auf einmal tropfte es von oben aus dem Handgepäckfach ...

Lünstroth: Interessant waren früher auch Flüge in die Türkei: Da brachten Gastarbeiter Fernseher mit an Bord. Und Küchengeräte wie Grills oder Mixer.

ZEIT: Was ist mit lebendem Gepäck?

Meyer: Haustiere sind bei uns nicht erlaubt. Neulich hat ein Passagier trotzdem einen kleinen Hund an Bord geschmuggelt, wir hörten plötzlich ein Bellen aus der Tasche. Das war zum Glück noch vor dem Start. Die beiden mussten natürlich wieder aussteigen.

Rosenlöcher: Bei uns dürfen kleine Hunde, Katzen und Schildkröten mit an Bord. Aber nur in einer Tasche. Einmal ist eine Katze daraus ausgebüchst. Sie hockte in der Küche in einem Staufach, fauchte und kratzte und war kaum herauszubekommen.