Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama erregte 1992 mit seinem Buch "Das Ende der Geschichte" weltweit Aufsehen. Für Fukuyama stand fest: Nach dem Fall der Mauer und dem Sieg des Westens ist die liberale Demokratie ohne Alternative und wird sich nach und nach auf der ganzen Welt durchsetzen. Wir trafen Fukuyama, der auf Einladung der American Academy in Deutschland ist, in Berlin.

DIE ZEIT: Herr Fukuyama, von Donald Trump bis zur AfD – der Populismus treibt etablierte Politiker in die Enge. Wie gefährlich ist das Phänomen?

Francis Fukuyama: Es ist eine ernste Gefahr. Populistische Parteien haben eine gemeinsame soziale Basis für den Aufstieg. Es sind nicht nur die unteren Schichten, es sind vor allem die alte Arbeiterklasse und die untere Mittelschicht, die an Boden verloren und Angst vor einer weiteren Deklassierung haben. Andere fürchten, sie würden komplett in die Armut abrutschen. Alle zusammen bilden die Gruppe derer, die in Amerika für Trump stimmen, in Polen für Kaczyński, in Ungarn für Orbán und in Frankreich für Marine Le Pen.

ZEIT: Aber es gibt doch Unterschiede zwischen Europa und Amerika.

Fukuyama: Europäer sind durch einen größeren Wohlfahrtsstaat besser geschützt, doch die Vielzahl sozialer Probleme schürt überall Ressentiments. Wähler populistischer Parteien sind überzeugt, dass die Globalisierung sie zurückgelassen hat.

ZEIT: Was wird aus Amerika, wenn Donald Trump Präsident wird?

Fukuyama: Wenn ich eine Prognose abgeben sollte, dann würde ich sagen, dass Hillary Clinton die nächste Präsidentin der USA wird. Allerdings, in einem bestimmten Szenario könnte es Trump schaffen: Hillary Clinton ist ziemlich verwundbar. In der E-Mail-Affäre könnte noch einiges herauskommen, wie überhaupt aus ihrer Vergangenheit manch Unangenehmes ans Licht gelangen könnte. Man traut Hillary Clinton nicht. Es könnte gelingen, sie zu diskreditierten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

ZEIT: Angenommen, Donald Trump wird Präsident – was würde aus Ihrer Vorhersage, langfristig werde sich weltweit der Liberalismus durchsetzen?

Fukuyama: Es wäre definitiv ein Rückschritt. Was Amerika angeht, denke ich allerdings, dass der amerikanische Glaube an Institutionen stark genug ist und Trump nicht in der Lage sein wird, das ganze System zu ruinieren. Was mich optimistisch stimmt, ist der Umstand, dass Trump ein Opportunist ist und keine tiefer liegenden ideologischen Überzeugungen besitzt. Er ist ein Geschäftsmann – wenn er an die Macht kommt, wird er Deals machen. Aber natürlich: Dass so ein Mann Präsident werden könnte – schon der Gedanke daran ist verheerend.

ZEIT: Spricht Trumps Erfolg für eine Kulturkrise?

Fukuyama: Überhaupt nicht. Seine Unterstützer kommen hauptsächlich aus der alten weißen Arbeiterklasse. Es sind Menschen, deren Einkommen heute niedriger ist als das ihrer Vätergeneration. Sie fühlen sich als neue Unterklasse, sie fühlen sich so, wie sich die Afroamerikaner vor 20, 30 Jahren gefühlt haben. Und wenn Trump ihnen verspricht: "Wir machen Amerika wieder groß", dann hat das für sie eine handfeste soziale Bedeutung. Sie wünschen sich die fünfziger und sechziger Jahre zurück.

ZEIT: Es war Amerikas Goldenes Zeitalter.

Fukuyama: Ja, damals gab es hohes Wachstum, hohe Einkommen, hohe Beschäftigung und vor allem: Der Reichtum war recht gleichmäßig verteilt. Sowohl Demokraten wie auch Republikaner wollen in die gute alte Zeit zurück: Die Demokraten, weil sie glauben, dass es damals viel vom New Deal gab, viel Sozialpolitik, und dass die Regierung noch eine entscheidende Rolle spielte. Und die Republikaner glorifizieren diese Zeit, weil Amerika stark und der Patriotismus groß war. Doch es gibt kein Zurück ins Goldene Zeitalter.

ZEIT: Auch Digitalisierung frisst Arbeitsplätze ...

Fukuyama: ... sie macht nicht nur niedrig qualifizierte Jobs überflüssig, sondern in wachsendem Maß auch die Jobs der Mittelklasse. Bislang wurden die verlorenen Jobs durch neue ersetzt. Erst war man Farmer, dann Fabrikarbeiter, danach arbeitete man im Servicecenter. Das ist vorbei. Dass technologischer Fortschritt zuverlässig neue Jobs produziert – von dieser Gesetzmäßigkeit können wir nicht länger ausgehen. So wird Technologie zur Belastung für die Demokratie, genauso wie die Erderwärmung und andere Grenzen des Wachstums. Die Stabilität der Demokratie und des Kapitalismus hängen in entscheidendem Maß von kontinuierlichem Wachstum ab. Ohne Wachstum gibt es nichts zu verteilen. Es entstehen starke Ungleichheiten, und diese fordern die Legitimität des Systems heraus. Das ist die Chance der Populisten.

ZEIT: Was können Regierungen dagegen tun?