Noah und der Container – Seite 1

Wenn Noah* morgens zur Schule fährt, liegen vor ihm ein voller Umsteigebahnhof, ein schaukelnder Bus und ein matschiger Fußweg. Seit einem halben Jahr fährt der schmale Zehnjährige jeden Morgen eine Stunde allein quer durch Frankfurt. 15 Kilometer – von Sachsenhausen, wo er mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester in einer hellen, geräumigen Wohnung lebt, nach Höchst, wo sein neues Gymnasium steht. Er steigt in die S-Bahn, läuft über Kreuzungen, springt über Pfützen, quetscht sich in den Bus.

Sein Vater Tim Driedger bringt ihn zum Bahnsteig in Mühlberg, bevor er selbst zur Arbeit ins Architekturbüro fährt. Er winkt Noah hinterher, dann runzelt er die Stirn. "Der Höchster Bahnhof hat milieutechnisch Kraft", umschreibt er seine Sorge über den Ort, an dem sein Sohn in 21 Minuten umsteigen wird. Höchst, wo das neue Gymnasium steht, gilt als Problemstadtteil. Und da muss Noah jetzt durch.

Wie 500 andere Frankfurter Kinder auch hat der Junge im vergangenen Herbst keinen Platz an einem seiner Wunschgymnasien bekommen. Schillerschule, Carl-Schurz- und Lichtigfeldschule – da wollte er hin, alles Schulen mit einem guten Ruf. Noah wäre jeweils in 10 bis 15 Minuten mit dem Fahrrad dort gewesen. Doch die Stadt schickte ihn wie 150 weitere Kinder auf das neue, provisorische Gymnasium in Höchst, das nicht mal einen Namen hatte und aus drei Lagen weißer, übereinandergestapelter Container bestand.

Geschichten wie die von Noah gelten unter Frankfurter Eltern als Schicksal, das die eigenen Kinder keinesfalls treffen darf. Denn auch in diesen Wochen geht die Angst um, dass die Wunschschule für viele Viertklässler nicht mehr als ein Traum bleibt. Die Stadt hat lange versäumt, für ausreichend Plätze an ihren Gymnasien zu sorgen. Ein ganzes Jahrhundert lang war bis 2013 kein neues Gymnasium mehr errichtet worden. Gleichzeitig entschieden mehr Eltern denn je, ihre Kinder auf diese Schulform zu schicken. 3.000 Schüler, 56 Prozent aller Viertklässler, wollten im vergangenen Jahr aufs Gymnasium. Dieses Jahr werden es ebenso viele sein. Wieder wird es Verlierer geben, die ausweichen müssen auf die unbeliebtere, weiter entfernte Schule. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 460 Schüler in der ersten Bewerbungsrunde gar keinen Platz bekommen könnten.

Den Verteilungskampf um die besten Bildungschancen ihrer Kinder führen die Eltern in Frankfurt mit besonderer Härte. Sie demonstrierten schon vor dem Rathaus, besetzten den Flur des Schulamts, investierten Tausende Euro in Klagen. Die Empörung über die verfehlte Schulpolitik und die Schwächung der Gymnasien war eines der großen Themen im Kommunalwahlkampf, der mit der Abwahl von Schwarz-Grün in Frankfurt endete. Man müsse Gymnasien auch dort ansiedeln, wo bislang noch nicht so viele Kinder Abitur machten, versuchte die grüne Bildungsdezernentin Sarah Sorge die Eltern zu beschwichtigen – und machte ihnen den verrufenen Standort Höchst erst recht suspekt.

Monatelang hatten sich Noahs Eltern Gedanken darüber gemacht, welche Schule die beste für ihr Kind sein könnte. "Das macht man heute so", sagt Tim Driedger. Seite um Seite blättert er die Chronik des Kampfes um den besten Schulplatz auf den Wohnzimmertisch. "Wir sind überzeugt von Ihrem Konzept. Unser Sohn ist hochinteressiert daran, Chinesisch zu lernen." Motivationsschreiben sind das. Noahs erste Bewerbungen.

Dass alles umsonst gewesen sein sollte, war für Driedger und seine Frau ein Schock. "Wir waren so naiv zu glauben, wir hätten wirklich etwas zu entscheiden." Der Vater hätte gern geklagt. Aber ein dafür notwendiges Dokument von den Schulen hat die Familie nie erhalten. Egal. Keine der 187 Familien, die Widerspruch beim Schulamt einlegten oder vor das Verwaltungsgericht zogen, bekam recht. Das Gericht befand Schulwege bis zu einer Stunde "zumutbar".

Einer, der die Wut der Eltern inzwischen besonders gut kennt, ist Dieter Sauerhoff. Beim Schulamt Frankfurt ist er für die Vergabe der Gymnasialplätze zuständig. Es war der Flur vor seinem grauen Büro, den die Eltern damals besetzten. Nun sitzt Sauerhoff an seinem Schreibtisch, vor sich eine Schale Kräuterbonbons und einen aufgeklappten Aktenordner voller Klagen. "Ich beobachte eine wachsende Tendenz in der Elternschaft, skeptisch zu sein gegenüber dem, was Schule und Verwaltung tun", sagt Sauerhoff. Die Anspruchshaltung unter Eltern werde immer größer.

Im Zweifelsfall wird gelost

In den Monaten nach der Zuteilung der Schulplätze bekam er jeden Tag erboste Anrufe. Eine Mutter behauptete, sie habe einen Herzinfarkt erlitten. Eine andere drohte, sie werde sich umbringen. Ein Vater raunte ihm nach einer öffentlichen Veranstaltung zu: "Sie werden das noch bereuen." Sauerhoff bereut nicht. "Ich würde ja gerne jedem Kind den Wunschplatz zuspielen, auch dieses Jahr", sagt er und dreht die Handflächen nach oben. "Aber wo soll ich die Kapazitäten herzaubern?"

Hava Düzgün hat die Wut über Frankfurts Schulpolitik wochenlang den Schlaf geraubt. "Wir sind ja nicht ins Zentrum einer Großstadt gezogen, um Schulwege wie auf dem Land zu haben", erklärt die Mutter von Murat, der mit Noah in eine Klasse geht. Die Familie hat auf Unzumutbarkeit des langen Schulwegs geklagt. Aber es geht ihnen um mehr als ein paar Kilometer. Am Höchster Bahnhof gebe es Trinkhallen und Casinos, sagt der Vater Umut Düzgün. Die Straßenbahnlinie, die Murat nehmen müsste, diene Drogenkurieren. "Viel zu gefährlich. Wer weiß, was alles passieren kann." Murat wird jeden Morgen mit dem Auto zur Schule gebracht.

Der Kampf um einen Platz an der vermeintlich richtigen Schule kennt in jeder Großstadt eine andere Spielart. In Hamburg melden sich Eltern unter gefälschten Adressen an, weil die Gymnasien nach Einzugsgebiet auswählen. In Berlin haben Eltern freie Wahl, aber die Schulen picken sich gern die leistungsstarken Schüler heraus. So konkurrieren schon Grundschüler um die besten Noten. In Frankfurt, heißt es, gebe es einen festen Kriterienmix, nach dem die Schulleiter ihre Entscheidung treffen: erste Fremdsprache, Fächerschwerpunkte, Geschwisterkinder. Im Zweifelsfall wird gelost.

Warum es gerade seinen Sohn getroffen hat? Darüber grübelt Tim Driedger noch immer. Hatte Noah zu schlechte Kopfnoten? Eine Begründung für die Entscheidung haben die Eltern nie bekommen. Die Macht der Schulleiter ist vielen Eltern suspekt. Das Misstrauen hat nun zumindest dazu geführt, dass die Schulleiter dieses Jahr erstmals begründen müssen, warum sie ein Erstwunsch-Kind nicht aufnehmen.

Auf Noahs neues Gymnasium wollten nur drei Kinder freiwillig. Einige Schüler, die auf der Klassenliste standen, erscheinen nie zum Unterricht. In den ersten Schulwochen verschwanden 34 Kinder aus Noahs Jahrgang und kamen nie wieder.

Auch Murats Eltern wollten ihren Sohn so schnell wie möglich an einer anderen Schule unterbringen. Die Familie wohnt im schicken Nordend; drei ausgezeichnete Gymnasien gibt es direkt in der Nähe. Als sie die Zuweisung nach Höchst im Briefkasten fanden, war das für Murats Eltern wie ein Platzverweis. Denn in Höchst, keine zehn Minuten von Murats Schule entfernt, waren damals die Gastarbeiter angekommen und schliefen zu acht in einer Baracke.

Murat sollte von Anfang an die besten Bildungschancen bekommen. Dazu gehörte für die Eltern eine gute soziale Mischung. Auf der Grundschule sei ihr Kind ein Murat unter Leons, Emmas und Pauls gewesen, das habe ihm gutgetan. Jetzt sei er ein Murat unter Ahmeds und Mohammeds.

Das mit der sozialen Mischung sei doch so, sagt Mathias Koepsell, der Schulleiter, und schaut aus dem Fenster seines Containers: Die deutschen Eltern hätten einfach nur den größten Elan bewiesen, von der ungeliebten Schule wegzukommen. "Indem sie ihre Kinder doch noch auf Schulen außerhalb Frankfurts oder auf Privatschulen geschickt haben." Das, was die bildungsbürgerlichen Eltern gefürchtet hätten, hätten sie also für die Zurückbleibenden selbst herbeigeführt. Die Angst vor einer unausgewogenen sozialen Mischung habe genau diese erst produziert. Und wer sagt denn, "dass viel Migrationshintergrund schlecht ist?". Das zu denken sei das eigentliche Problem. Er freue sich über seine Schule, wie sie ist.

Nachdem Murat einige Monate in der fünften Klasse lernt, erfahren die Eltern, dass an einer anderen Schule noch ein Platz frei geworden ist. Aber Murat will nicht. Es gefällt ihm in Höchst, er schreibt gute Noten. In der Hausaufgabenbetreuung bekommt er alle Fragen beantwortet. Er mag es, dass er jetzt Witze auf Türkisch erzählen kann und einige das dann verstehen. Hava Düzgün seufzt. Sie gibt dem Sohn Bedenkzeit. Und entscheidet sich in dieser Zeit selbst gegen den Wechsel. Manchmal sei eine Schule erst auf den zweiten Blick eine gute Wahl.

Auch Noah will bleiben. Auf seinen letzten Kilometern zur Schule quetscht er seinen Ranzen in den Bus, steigt aus, läuft noch zehn Minuten, dann ist er da. Als er zum ersten Mal mit seiner Familie hierherkam, stand vor der Schule noch ein mit Stacheldraht umwickelter Zaun. Noahs Eltern kamen die Tränen. Jetzt geht hinter den schneeweißen Containern über Schrebergärten die Sonne auf. Noah rennt in seine Klasse, er freut sich auf die Erdkundestunde. "Wir geben der Schule jetzt eine Chance", sagt sein Vater. "Es bleibt uns nichts anderes übrig."

Koepsell lächelt, wenn er das hört. Sauer seien die Eltern immer nur auf die Stadt gewesen, nie auf die Schule. Schlimmer als ein weiter Schulweg vorbei an Casinos und Fahndungsplakaten der Polizei sei es für sie, einfach übergangen zu werden, wie in einem Akt staatlicher Willkür.

Zum Tag der offenen Tür vor wenigen Wochen kommen plötzlich über hundert Interessierte. Im Chemieraum zeigen die Schüler Experimente mit Geheimtinte, der Chor singt Castle on a Cloud aus Les Misérables. Ein paar neue Eltern sagten dem Schulleiter, sie würden die Containerschule als Wunschschule angeben. Sie hätten hier ein gutes Gefühl.

*Die Namen der Kinder und der Eltern von Murat wurden verändert

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