Es ist fast unmöglich, durch die USA zu reisen, ohne Susan Bennett zu begegnen – oder vielmehr: ihrer Stimme. Im nüchternen Stakkato lenkt sie die Fahrer vieler Ford- und Mercedes-Modelle durch die Prärie von Arizona und durch Downtown Manhattan. Sie leitet Passagiere durch Flughafenterminals von Delta Airlines, sie spricht in Werbespots und in Warteschleifen von Hotlines.

Vor allem aber ist Bennett auf Millionen von iPhones zu hören. Seit 2011 ist sie in den USA die Stimme von Apples Sprachsoftware Siri. Diese virtuelle Assistentin beantwortet mit Bennetts Stimme, wie das Wetter morgen wird, sie hilft beim Weckerstellen, Anrufen und Routenplanen – und fragt man Siri nach dem Sinn des Lebens, erklärt die Stimme, dass man mit anderen Menschen in Frieden und Harmonie leben, fettes Essen vermeiden und gelegentlich ein gutes Buch lesen sollte.

Susan Bennett hat für diese Antworten die Bausteine geliefert – allerdings ohne zu ahnen, dass Apple diese Bausteine eines Tages verwenden würde. Plötzlich, mit über 60 Jahren schon und ohne dass jemand sie gewarnt hätte, war Bennett die Stimme von Siri, die Stimme des beliebtesten Smartphones der Welt. Siri machte Susan Bennett zum Promi, mit Auftritten im Fernsehen und bei Technologie-Konferenzen. Auf Twitter hat sie fast eine Million Follower. Nur Apple, der Konzern, dem sie das alles zu verdanken hat, will nichts von Bennett wissen. Er bestätigt auf Anfrage nicht einmal, dass sie für Siri spricht, auch wenn das sicher belegt ist. Während Siri auf fast jede Frage eine Antwort weiß, schweigt Apple sich über die Herkunft seiner eigenen Stimme aus.

Immer soll Bennett misstrauischen Verbrauchern Vertrauen in Neues einflößen

Susan Bennetts Stimme ist eine Ausnahmeerscheinung. Das merkt schnell, wer sie im Norden von Atlanta besucht, wo sich ausladende Einfamilienhäuser mit großen Vorgärten aneinanderreihen. Die Menschen hier grüßen freundlich, und kommt man mit ihnen ins Gespräch, dann fällt ihr weicher Südstaaten-Akzent auf. Sie betonen die Vokale voll und rund, als würden sie beim Sprechen kleine Pirouetten drehen. Bennett dagegen spricht ein akzentfreies amerikanisches Englisch, als schreite sie schnurgerade den Text ab. Wenn sie will, kann sie aber auch anders: Mit hoher, aufgeregter Stimme warb sie schon für einen neuen Minivan, tief und sanft für ein Schmerzmittel. Bennett klingt dabei so jung und unverbraucht, dass man überrascht ist, wer sie tatsächlich ist: eine ältere Dame. "Susan hat eine unglaublich reichhaltige und zugleich klare Stimme", sagt Marcus Graham, der mit seiner Sprachaufnahme-Firma seit Jahrzehnten mit Bennett arbeitet. "Das ist sehr selten."

Ob Visa, Coca-Cola oder Dell: Etliche US-Konzerne haben Bennett deswegen schon gebucht. Spätestens seit ihrer Rolle als Siri aber ist sie die Stimme der amerikanischen Wirtschaft. Dass Susan Bennett dazu geworden ist, verdankt sie einem Zufall: Während ihres Studiums singt sie in Bands, und als sie irgendwann in den siebziger Jahren im Studio steht und in einer anderen Produktion eine Sprecherin für einen Werbespot nicht auftaucht, springt sie ein. Der Text sitzt sofort, der Produzent ist angetan.

Kurz danach bekommt sie ihren ersten großen Auftrag, für die First National Bank of Atlanta. Es ist die Zeit, als die Bank die ersten Geldautomaten aufstellt und ihre Kunden daran gewöhnen muss, nicht mehr zum Schalterangestellten zu gehen. Wenn Bennett heute davon erzählt, ruft ihr Mann Rick aus der Küche herüber: "C’mon, sing the song!" Bennett wechselt dann in eine helle Comic-Stimme und trällert: "I am Tillie the all-time teller" – Tillie, der jederzeit verfügbare Automat. Damals ist es das erste Mal, dass sie ihre Stimme einer Maschine leiht.