Sie kommt rein, Café Herr Max am Schulterblatt, große Freude: "Oh, wie schön, blaue Küchlein!" Hoch ist ihre Stimme, wie bei einem Kind. Wer spricht da, Blümchen oder Jasmin Wagner? Blümchen nannte sie sich mal, in den Neunzigern war sie ein Popstar. 30 Millionen Platten verkaufte sie, sang"Herz an Herz" und coverte Queens "Bicycle Race". Dann war sie das süße Blümchen leid und wollte seriös werden. Während des Gesprächs wird Jasmin Wagners Stimme tiefer, erwachsener. Wagner arbeitet heute als Moderatorin und Theaterschauspielerin. Seit Kurzem steht sie in Ildikó von Kürthys "Liebeslügen" auf der Bühne des Ernst Deutsch Theaters.

DIE ZEIT: Frau Wagner, gibt es noch Leute, die Sie Blümchen nennen?

Jasmin Wagner: Ich bin mir sicher, wenn Leute über mich reden, passiert das oft. Aber wenn sie mir in die Augen gucken, eher selten. Meist ist es ihnen sofort unangenehm, und sie entschuldigen sich.

ZEIT: Warum unangenehm?

Wagner: Die Leute haben begriffen, dass ich längst nicht mehr Blümchen bin. Klar, es hat einen Nostalgiefaktor: Ich bin die Frau, die früher auf Postern in ihren Kinderzimmern hing. Es ist immer noch ein Alleinstellungsmerkmal: die, die mal Blümchen war. Da wissen alle sofort Bescheid.

ZEIT: Ihre Karriere als Popstar ist inzwischen fast 20 Jahre her. Nervt das Blümchen-Image manchmal?

Wagner: Nein. Ich mache keine Musik mehr, setze mich nicht in Konkurrenz zu dem Erfolg, den ich damals hatte. Ich habe für mich eine neue Form auf der Bühne gefunden, um zu bestehen. Am Ende des Tages geht es für mich darum, das Gefühl zu haben, dass ich einen tollen Job habe, ein gutes Leben. Deswegen bin ich ohne Groll, wenn ich mit meinem Alter Ego konfrontiert werde.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Ihr Alter Ego hat in den Neunzigern mehr als 30 Millionen CDs weltweit verkauft. Sind Sie dadurch reich geworden?

Wagner: Ich habe Geld verdient, ja. Ich habe mehr angehäuft, als man normalerweise anhäuft in dem Alter. Als Frau Mitte 30 fühle ich mich dadurch viel sicherer. Ich konnte mir und meiner Familie sehr früh Eigentum ermöglichen.

ZEIT: Ihr erstes Lied Herz an Herz brachten Sie mit 15 raus. Hatten Sie als Teenager eine Vorstellung davon, was Sie mit Ihrer Musik verdienen?

Wagner: Nicht wirklich. Für mich zählte, dass ich das machen konnte. Ich hätte wahrscheinlich alles unterschrieben, weil ich große Lust hatte, eine CD aufzunehmen. Und meine Mutter hat sich mit meinen Verträgen auseinandergesetzt. Das traurige Lied "Die Manager haben ein böses Spiel mit mir abgezogen" kann ich nicht singen. Ich habe immer noch das gleiche Management-Team, das mich begleitet.

ZEIT: Wofür gibt man als 15-jähriger Teeniestar sein Geld aus?

Wagner: Alles, was ich verdient habe, wurde gespart. Bis ich 15 war, hatte ich als einziges Einkommen mein Taschengeld, ich glaube 150 Mark im Monat. Ich bin nie auf so einen Luxustrip gekommen. Und ich habe ja sehr lange noch zu Hause gewohnt, bis ich Mitte 20 war. Mein Leben hat nicht viel gekostet.

ZEIT: Sie tourten doch damals schon um die Welt.

Wagner: Aber ich habe auch wie ein normales Mädchen gelebt. Wenn ich zu Hause zickig war, hat meine Mutter mich zu Hausarrest verdonnert, ich musste aufräumen, den Müll rausbringen. Meine Mutter hat sich nicht wahnsinnig darum geschert, dass ich berühmt war. Ich hatte zwar sehr früh Zugang zu sehr viel Geld, aber ich habe lange in einer Welt gelebt, in der Geld nicht wichtig für mich war.

ZEIT: Gar keine Eskapaden?

Wagner: Die einzige Eskapade, die ich mir geleistet habe, war, dass ich zu viele Klamotten auf einmal gekauft habe. Ich hatte mit 17, 18 meine erste eigene Kreditkarte und war bei Gucci shoppen. Das war damals schwer angesagt. Eigentlich wollte ich nur einen Minirock kaufen, einen schwarzen mit Schlitz vorn. Dann geriet ich in einen Rausch. Als ich rauskam, hatte ich ein paar Tausend Mark ausgegeben, ohne mir bewusst zu sein, was da gerade geschehen war. Da habe ich Ärger bekommen.

ZEIT: Mussten Sie die Sachen zurückbringen?

Wagner: Das wollte ich nicht, es war mir so unsagbar peinlich. Ich wollte lieber sterben. Meine Mutter ließ das durchgehen, sie hat gesehen, dass ich meine Lektion gelernt habe. Und später versorgten mich Stylisten mit jeder Menge Klamotten. Ich musste nichts mehr selbst kaufen.

ZEIT: Sie waren damals vermutlich der Hauptverdiener in der Familie.

Wagner: Ich habe phasenweise sicher mehr verdient als mein Vater. Aber meine Eltern hatten nie vor, ihre Jobs an den Nagel zu hängen und von dem zu leben, was ihre Tochter verdient. Meine Eltern waren geschieden, von meinem Vater gab es das Taschengeld. Sobald ich eigenes Geld verdient habe, da war ich 15, hat mein Vater mir das Taschengeld gestrichen. Das werfe ich ihm scherzeshalber bis heute vor. Das war doch mein Kinderrecht! Mein jüngerer Bruder hat es ja auch noch bekommen.