Es ist Herbst in Kirichu, einem 5.000-Einwohner-Dorf in Zentralkenia. Der Kaffee steht in voller Blüte, die Blätter der Kaffeesträucher glänzen in der Mittagssonne, der Lehmboden glüht. Muthoni Schneidewind pickt eine Kaffeekirsche zwischen den Blättern hervor, hebt sie hoch wie ein Beweisstück und sagt: "Als ich das erste Mal in Deutschland kenianischen Kaffee kaufen wollte, war ich geschockt." Ein Kilo dieses Kaffees kostet oft mehr als zwanzig Euro. Schneidewinds Familie jedoch bekommt nur wenige Cent dafür.

Schneidewind ist hier in Kirichu aufgewachsen, als Erwachsene zog sie nach Deutschland, sie kennt also beide Seiten. Der Gegensatz schockierte sie. Er war es wohl, der die Hamburgerin zur Unternehmerin machte. Aber von vorn.

Bis heute sind es nicht die Bauern, die am Kaffeegeschäft verdienen, sondern vor allem Konzerne und Zwischenhändler. Viele von ihnen sitzen in Hamburg, Europas größtem Umschlagplatz für die Bohnen. Es sind Händler wie Neumann, einer der größten weltweit, Röster wie Tchibo oder Darboven. Auch die Coffeeshopkette Balzac, die deutsche Antwort auf Starbucks, wurde in Hamburg gegründet.

Sie alle profitieren vom steigenden Durst auf Kaffee: Zuletzt wurden weltweit Bohnen im Wert von etwa 20 Milliarden US-Dollar exportiert. Die Deutschen trinken sogar mehr Kaffee als Mineralwasser, zumindest behauptet das der Deutsche Kaffeeverband, der ebenfalls in Hamburg sitzt.

Für Muthoni Schneidewinds Heimat Kenia könnte das eine Chance sein – theoretisch. Kaffee ist dort neben Tee das wichtigste Exportprodukt. Doch wer durch die Hochebenen am Mount Kenia fährt, dem wichtigsten Anbaugebiet des Landes, der spürt davon wenig. Es ist eine ärmliche Gegend voller Holzhütten ohne Strom, oft ohne Wasser.

Es gab Versuche, die Produzentenländer wie Kenia besser zu unterstützen. Hamburg etwa hat vor gut einem Jahr eine Gesetzesinitiative gestartet: Fair gehandelter Kaffee sollte von der Kaffeesteuer befreit werden. Am Ende jedoch fand der Vorschlag keine Mehrheit im Bundesrat. Für Schneidewind und ihre Idee war das vielleicht sogar ein Glücksfall. Das Geld für Zertifizierung und Fairtrade-Labels könne sinnvoller eingesetzt werden, findet sie. Schließlich haben mehr als 20 Jahre dieser Zertifizierungsbewegung an den ärmlichen Lebensbedingungen der Produzenten wenig geändert. TransFair, die Organisation, die die Labels ausstellt, wirbt zwar für gerechtere Strukturen – zahlt aber kaum mehr als konventionelle Händler.

Es war 2013, als Schneidewind sich entschloss, ihr eigenes Sozialunternehmen zu gründen: Chania Coffee, mit Sitz in Kaltenkirchen. Die Firma importiert Kaffee aus Schneidewinds kenianischem Heimatdorf ohne Zwischenhändler und zu fairen Preisen für die Bauern. Das Besondere: Gezahlt wird nach Qualität, nicht nach Menge. Außerdem verzichtet Schneidewind auf teure Zertifikate, vertraut stattdessen auf den direkten Kontakt zur Gemeinde, auf lange Heimatbesuche. So wie jetzt.

Als Kind verbrachte Schneidewind ihre Wochenenden auf der Plantage des Vaters, suchte die Sträucher nach reifen Bohnen ab, schleppte Jutesäcke zur kilometerweit entfernten Mühle, wartete in der brennenden Mittagssonne, dass jemand ihre Bohnen wog. Zum Glück für Schneidewind hatte der Vater einen weiteren Job als Ranger, konnte für sie und ihre vier Geschwister eine Schule bezahlen. Schneidewind ging nach Nairobi, studierte, arbeitete später für den Hygieneartikelhersteller Kimberly-Clark im Vertrieb. Dann heiratete sie einen Deutschen, zog in den Norden – und sah, was die Menschen dort für Kaffee bezahlten und wie wenig davon in Kenia ankam.