Was ist ein gutes Kinderbuch? Auf diese Frage gibt es wohl so viele Antworten wie Menschen, denen man sie stellt – einige lesen Sie auf dieser Seite. Unbestritten dagegen ist, wie viel ein Buch bewirken, was es einem Heranwachsenden bedeuten kann. "Ich weiß, dass meine Kindheitslektüre wichtige Teile des erwachsenen Menschen geschaffen hat, zu dem ich geworden bin", hat der schwedische Schriftsteller und Journalist Per Olov Enquist dazu einmal geschrieben.

Wenn also die Bücher, die wir unseren Kindern geben, die Erwachsenen von morgen formen, sollten wir nur die bewegendsten Geschichten auswählen: beflügelnde und verzaubernde, Welten öffnende, aberwitzige und trotzige, ja, auch anrührende und tieftraurige Texte und Bilder, die Drei-, Acht- und Vierzehnjährige ebenso fesseln und begeistern wie die vor- oder mitlesenden Erwachsenen.

Solche Bücher suchen wir seit 30 Jahren, um sie mit dem LUCHS auszuzeichnen, dem Literaturpreis, den die ZEIT 1986 gemeinsam mit Radio Bremen gegründet hat.

Diese Suche ist mit den Jahren nicht leichter geworden. Als der LUCHS geboren wurde, gab es noch zwei deutsche Literaturen, und allein im Westen erschienen rund 2.500 Kinder- und Jugendbücher. Zwanzig Jahre später hatte sich die Zahl – im wiedervereinten Deutschland – auf gut 6.000 Titel pro Jahr gesteigert. Heute, noch einmal zehn Jahre später, erscheinen in Deutschland mehr als 8.000 neue Bücher für Kinder und Jugendliche. Jedes Jahr!

Viele von ihnen glitzern uns aufdringlich entgegen, leuchten uns an mit fluoreszierender Schrift, betteln um Aufmerksamkeit mit grellen Bildern und bestürzend schlichten Botschaften: Piraten, Superhelden und wilde Tiere für die Jungs; Pferde, Feen und Topmodels für die Mädchen. Die ungewöhnlichen, die stillen, dabei aber wahrhaftig auffälligen Titel haben es mitunter schwer, überhaupt gesehen zu werden.

So ist aktueller denn je, was die LUCHS-Gründerinnen Ute Blaich (DIE ZEIT) und Marion Gerhard (Radio Bremen) 1986 postulierten: die Bücher zu finden, die "gegen schicke Trends, Booms, Klischees, gegen Bestsellerspekulation und die Konformität des nur unverbindlich 'Netten'" geschrieben sind. Der LUCHS will noch immer die besonderen Bücher, "keine Allzweckliteratur, keinen Gefühlsschrott, keine bequeme Konsumiervorlage zum Weiterdösen".

350 LUCHSE haben wechselnde Jurys in den vergangenen 30 Jahren vergeben. Ein Buch jeden Monat, von denen seit 1997, damals unter dem Juryvorsitz des viel zu früh verstorbenen Konrad Heidkamp, eines zum Jahressieger gekürt wird. Der JahresLUCHS 2015, den wir nun zu Beginn der Buchmesse in Leipzig überreichen, geht erstmals an einen Comic – an Der Traum von Olympia des Zeichners Reinhard Kleist.

Natürlich hätten wir in den 30 Jahren zuweilen noch mehr Titel auszeichnen können und wollen – oder andere. Denn über die Frage, was ein gutes Bilder-, Kinder- oder Jugendbuch ist, hat auch die Jury immer wieder gestritten. Mal sind sich alle Juroren einig über die Güte eines Textes, die Kunstfertigkeit und Schlagkraft der Illustrationen. Mal jubelt der eine, während der andere den Kopf schüttelt. Da müssen die Argumente so scharf sein wie die Zähne und die Augen des Luchses. Weil nicht jeder mit seinem Lieblingsbuch durchkommt, stellen aktuelle Juroren einige der in ihren Augen zu Unrecht nicht beluchsten Bücher vor.

In freier Wildbahn wird ein Luchs etwa 15 Jahre alt, in Deutschland ist die scheue Raubkatze gar vom Aussterben bedroht. Unser LUCHS hat mit seinen stolzen 30 Jahren also bereits zwei Tierleben auf dem Buckel. Doch solange wir alle den hohen Wert der Kinderliteratur für schützenswert erachten, so lange wird unser LUCHS leben, so lange werden wir, die ZEIT und Radio Bremen, ihn auf die Jagd schicken.

Lieber LUCHS, hoch sollst du leben – und noch viele Jahre lang!