Auf der UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember 2015 haben 195 Staaten ein bahnbrechendes Klimaabkommen beschlossen. Sie haben sich auf das Ziel verständigt, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen.

Die Klimaforscher hatten aufgezeigt, dass der Weltgemeinschaft noch ein Budget von weniger als 1.000 Gigatonnen CO₂ zur Verfügung steht. Werden bei der Verbrennung von Öl, Kohle und Gas in den kommenden Jahrzehnten mehr als 1.000 Gigatonnen CO₂ freigesetzt, steht uns ein äußerst gefährlicher und nicht mehr umkehrbarer Klimawandel bevor. Würden wir so weitermachen wie bisher, wäre dieser Punkt in spätestens 30 Jahren erreicht. Das in Paris verabredete internationale Abkommen soll möglichst schnell dafür sorgen, dass die jährlichen globalen Emissionen sinken, das Budget damit gestreckt und der Ausstoß von Treibhausgasen in wenigen Jahrzehnten auf netto null reduziert wird.

Die Größe dieser Herausforderung wird einem klar, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Mengen an Öl, Kohle und Gas sich noch in der Erde befinden. Würden wir die bekannten und vermuteten Vorkommen ausbeuten und zur Energiegewinnung einsetzen, lägen die globalen Emissionen in einer Größenordnung von 15.000 Gigatonnen CO₂. Die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen bedeutet also: Von 15.000 Gigatonnen CO₂ in Form von Öl, Kohle und Gas müssen wir mindestens 14.000 im Boden lassen!

Unser Problem ist wahrlich nicht die Knappheit der fossilen Ressourcen – sondern das genaue Gegenteil. Uns fehlt bislang eine Ausstiegsstrategie für Öl, Kohle und Gas. Energieeffizienz und erneuerbare Energien sind zwar unverzichtbare Teile einer Antwort auf den Klimawandel, aber sie beantworten noch nicht die Frage, warum Private auf die Förderung, Vermarktung und Nutzung fossiler Brennstoffe verzichten sollten. Der Vormarsch von Energieeffizienz und Erneuerbaren kann das Problem sogar noch verschärfen. Ein Überangebot an fossilen Ressourcen drückt den Preis und macht ihren Einsatz umso verlockender. Und diese Verlockung ist groß. Die fossile Energiewirtschaft verspricht Renditen, Jobs und niedrige Energiepreise.

Das Abkommen von Paris ist ein Versprechen an die Generationen unserer Kinder und Enkel: "Wir werden euch keinem gefährlichen Klimawandel aussetzen." Wenn wir dieses Versprechen halten wollen, führt an einer "Dekarbonisierung" kein Weg vorbei. Unsere Produktion und unser Konsum müssen CO₂-neutral werden. Es gibt einen internationalen Konsens, dass die Industriestaaten dabei vorangehen.

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Deutschland braucht seine Klima- und Energiewendeziele infolge der Beschlüsse von Paris nicht zu verändern. Es gibt einen Konsens unter den im Bundestag vertretenen Parteien, dass wir unsere Treibhausgase bis 2050 um 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990 reduzieren wollen. Als Zwischenziele haben Bundesregierung und Bundestag beschlossen: Minderung der Treibhausgase bis 2020 um 40 Prozent, bis 2030 um 55 Prozent und bis 2040 um 70 Prozent.

Wir sollten diese Herausforderung als Chance für eine umfassende Modernisierung unserer Volkswirtschaft nutzen. Die fossilen Energieträger Öl, Kohle und Gas werden ersetzt durch Investitionen in Effizienztechnologien und erneuerbare Energien. Der Digitalisierung wird dabei eine Schlüsselrolle zukommen. Auf den Punkt gebracht kann man auch sagen: Bis spätestens 2050 ersetzen wir Öl, Kohle und Gas durch Intelligenz und Investitionen. Damit schaffen wir qualitatives Wachstum und Beschäftigung.

Damit aus dieser Transformation in den nächsten Jahrzehnten nicht nur eine klimapolitische, sondern auch eine ökonomische Erfolgsgeschichte wird, brauchen wir einen Paradigmenwechsel. Dabei geht es vor allem darum, Fehlinvestitionen zu vermeiden. Wir wollen den Umstieg bis 2050 schaffen, haben also noch dreieinhalb Jahrzehnte Zeit. Investitionen in fossile Strukturen mit einer Nutzungsdauer über 2050 hinaus führen zu verlorenen Investitionen der beteiligten Unternehmen und werden uns in Zukunft zu teuren Reparaturmaßnahmen zwingen. Eine vorausschauende Modernisierungspolitik, die falsche Festlegungen, spätere Kapitalvernichtung und Arbeitsplatzverluste vermeiden will, muss jetzt die Weichen richtig stellen. Effizienz und erneuerbare Energien sollten wir daher zum neuen Investitionsstandard erklären. Investitionen in fossile Strukturen müssen zur Ausnahme werden. Wir sollten sie nur noch in den Fällen tätigen, in denen uns bislang technologische Alternativen fehlen oder diese unverhältnismäßig teuer sind. Die Umkehr des Regel-Ausnahme-Verhältnisses, das ist der Paradigmenwechsel.