Bereits nach ein paar Monaten lernte Patrick Schulz seine Grenzen kennen. Ständig war er müde, schlecht gelaunt, genervt. Zu viel Arbeit, oft mehr als zwölf Stunden am Tag, nur jedes zweite Wochenende war frei. Kam er spätabends nach Hause, hatten die Supermärkte manchmal schon zu. "Nachts konnte ich nicht mehr schlafen, weil ich so gestresst war", sagt er. Schulz bat seinen Chef, nur 40 Stunden pro Woche arbeiten zu müssen, so wie es in seinem Vertrag stand. Das könne er vergessen, habe sein Chef geantwortet. Dann wurde Schulz krank.

Schulz hat nicht in einer Unternehmensberatung oder einer Großkanzlei geschuftet – sondern auf einem Bioland-Milchbetrieb im Nordwesten von Niedersachsen. Dort hatte er eine Lehre angefangen, melkte Kühe, fütterte sie, arbeitete in der Werkstatt, räumte auf. Für monatlich 665 Euro brutto.

Ende 2014 ließ Schulz sich krankschreiben. Dann kündigte er. Dabei war der 20-Jährige selbst auf einem konventionellen Schweinemastbetrieb aufgewachsen, hatte als Kind erlebt, wie sein Vater tote Schweine aus dem engen Stall zog. Er habe immer in die Landwirtschaft gewollt, berichtet er, aber er glaubte an eine, die mehr Rücksicht auf Tiere und Umwelt nimmt. Dass es auf Biohöfen ausgerechnet Probleme im Umgang mit Menschen geben könnte, hatte Schulz nicht bedacht.

Seine Schilderungen werfen ein neues Licht auf den Ökolandbau, wo sich viele Landwirte zwar um das Wohl ihrer Tiere kümmern, aber nicht um das ihrer Angestellten. Sie fordern Überstunden, zahlen schlecht, halten sich nicht an Regeln, üben Druck aus. Ein merkwürdiger Gegensatz zu ihrem Umgang mit der Natur, der oft enorm rücksichtsvoll ist: Einige schneiden ihren Rindern nicht die Hörner ab, wie es in der konventionellen Landwirtschaft üblich ist. Andere bearbeiten den Boden mit Pferden statt mit schweren Maschinen, um ihn weniger zu verdichten. Tiere haben auf Biohöfen meist mehr Auslauf. Ungeziefer bekämpfen die Bauern nicht mit Chemie, sondern mit Nützlingen und Netzen.

Die so erzeugten Produkte schätzen immer mehr Verbraucher. Der Gesamtumsatz mit Biolebensmitteln in Deutschland hat sich zwischen 1997 und 2013 verfünffacht. 92 Prozent aller Haushalte kaufen mittlerweile zumindest gelegentlich Bioprodukte. Und laut anderen Umfragen glauben viele Konsumenten, dass Ökoprodukte unter besseren, faireren Bedingungen hergestellt werden. Ein Irrtum.

Nicht nur Patrick Schulz erzählt von extrem harten Arbeitsbedingungen. Andere Auszubildende, Erntehelfer und Mitarbeiter auf verschiedenen Biohöfen bestätigen, bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit zu arbeiten – oft auch darüber hinaus. Schulz erscheint in diesem Artikel nicht mit richtigem Namen, weil er nicht als Nestbeschmutzer einer Branche gelten möchte, deren ursprüngliches Ansinnen er eigentlich befürwortet.

Das gilt auch für Julia Werner. Die 21-Jährige berichtet von ihrer Ausbildung auf einem norddeutschen Hof, der Mitglied im anthroposophischen Anbauverband Demeter war. Dort habe sie fast jeden Tag arbeiten müssen, meist im Kuhstall, sogar sonntags vier Stunden und nach der Berufsschule. Insgesamt habe sie im Schnitt um die 70 Stunden pro Woche geschuftet, erzählt sie, das wären 30 mehr, als ihr Vertrag vorsah. "Ich habe versucht, mehr freie Zeit zu bekommen", sagt Werner. Sie musste Stoff aus der Berufsschule nachholen. Aber ihr Chef habe abgelehnt, ihr nicht mal eine Stunde nach der Mittagspause gestattet. Auch Werner brach ihre Lehre ab.

Werners Chef streitet das nicht einmal ab, im Gegenteil. Der Mann, ein Bio-Pionier mit kurzem grauem Haar, bestätigt die Schilderungen seiner Ex-Auszubildenden. Auch er spricht allerdings nur im Schutz der Anonymität: Die für ihn zuständige Landwirtschaftskammer könnte ihn bestrafen, weil er sich nicht an die Arbeitszeitbestimmungen hält. "Ich sage meinen Auszubildenden immer: Wenn ihr Landwirtschaft machen wollt, könnt ihr die gesetzlichen Arbeitszeiten vergessen", sagt er. Etwa jeder dritte seiner Auszubildenden breche deswegen die Lehre ab. Allein sei er mit seiner Einstellung nicht, sagt er, die meisten anderen Betriebe würden das auch so machen. Wer die vorgeschriebenen Arbeitszeiten einhalten wolle, könne wirtschaftlich nicht überleben. "Die Preise für Bioprodukte sind schreiend zu niedrig", sagt er.