Sehr verehrte Frau Schiller,

Sie werden diese Zeilen wohl nie lesen, weil Sie aller Wahrscheinlichkeit nach bereits vor Jahren verstorben sind, was aber nichts zur Sache tut und meine Zuneigung nicht im Geringsten mindert.

Wir haben uns Ende der siebziger Jahre in einem Friseurladen in München-Harlaching kennengelernt. Sie waren eine ältere Dame, ich ein Kindergartenkind, welches seine Großmutter zum Friseurtermin begleitete.

Meine Großmutter ging einmal pro Woche zum Friseur. Zu diesem Zwecke tauschte sie ihre öffentlichkeitsuntaugliche Hauskleidung gegen ein maßgeschneidertes Kostüm, legte sich Goldschmuck um und packte für ihren mehrstündigen Termin eine Sporttasche mit Bier und Regensburger Würschteln.

Der Laden wurde von einem Herrn Lutz geführt, es gab Waschtische, Kugelleuchten, Trockenhauben und Gummibäume. Zur Lektüre standen Brigitte, Quick und Bunte zur Verfügung. Sie saßen an diesem Tag im Stuhl neben meiner Großmutter, blätterten in einer Illustrierten und warteten darauf, dass Ihre Haare trockneten. Und Sie kauten Kaugummi. Und machten Kaugummiblasen. Ich kannte damals keinen einzigen Erwachsenen, der freiwillig Kaugummi gekaut hätte. Und schon gar keinen, der Blasen machte.

Wie genau es dazu kam, dass ich auf Ihrem Schoß landete, weiß ich nicht mehr. Meine Erinnerung ist an dieser Stelle so vage, wie sie kurz darauf konkret ist: Nach einer inständigen Bitte meinerseits erklärten Sie sich freudig bereit, mich in die Geheimnisse des Kaugummiblasens einzuweihen. Einer Fähigkeit, die ich zu diesem Zeitpunkt unbedingt erlernen wollte, weil alle anderen Kinder im Kindergarten es konnten. Nur ich nicht. Ich konnte nur lispeln.

Während meine Großmutter ihre Brotzeit verzehrte, saß ich auf Ihrem Schoß, und nach einer kurzen Einführung (Gummi kauen, nach vorne schieben, dehnen, vorsichtig Luft dazu) ließen wir vergnügt, mal laut und mal leise, Kaugummiblasen platzen. Und ich war danach das einzige Kind im ganzen Kindergarten, das kaugummiblasen und lispeln konnte.

Seit diesem Tag kaufe ich immer als Erstes die Schillerstraße, wenn ich Monopoly spiele: Sie ist mir die liebste und wichtigste von allen. Die Schlossallee kann haben, wer mag.

Linda Benedikt, 43, ist Schriftstellerin und lebt in München