Der Fleischwarenproduzent Rügenwalder Mühle holt sich mehrmals im Jahr Kunden ins Haus. Die dürfen hinter die Fassade des Unternehmens schauen, neue Wurstsorten probieren und einfach mal rumspinnen: Was, glauben sie, wird Rügenwalder Mühle 2024 herstellen? Wie könnte das Unternehmen in Zukunft aussehen? Die Mitglieder ihres Kundenbeirats hat Rügenwalder Mühle vor ein paar Jahren in mehreren Castings sorgfältig ausgewählt, ein Landwirt ist dabei und auch eine Vegetarierin.

Der Beirat ist der Versuch, nah am Kunden zu sein. Früher, als Rügenwalder Mühle noch selbst Filialen hatte, war das einfacher. Der Fleischerei-Fachverkäufer reichte eine Scheibe Wurst über die Theke und fragte: "Schmeckt’s?" Außerdem sah er, wer was kaufte, und bekam auch mal einen auf den Deckel, wenn der Kunde unzufrieden war. Die Filialen haben Rügenwalder Mühle einen Eindruck davon verschafft, was der Wurstesser mag – und was er auch künftig kaufen könnte. Heute liegen Rügenwalder Teewurst und Schinken Spicker in Supermarkt-Regalen. Es gibt zwar Trendanalysen und Marktforschung, aber manches bleibt doch auf der Strecke, wenn Prozesse arbeitsteilig organisiert werden.

Die "Nähe zum Kunden" wird häufig genannt, wenn es um die Frage geht, mit welchen Maßnahmen der Mittelstand in Deutschland innovativer werden könnte. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hält genau das für nötig. Der aktuelle Innovationsindikator, den BDI und der Technikverband Acatech in Auftrag gegeben haben, vergleicht 35 Staaten. Deutschland landet auf Platz fünf – da ist noch Luft nach oben, meint der BDI. Die Schweiz, Singapur und Finnland belegen die ersten drei, die USA den achten Platz.

Innovation ist in Wirtschaftskreisen als Schlagwort allgegenwärtig. "Wer nicht innoviert, verliert" – der Spruch ist so richtig wie nichtssagend. Konkret geht es vor allem um die Fragen: Wie werden aus Ideen bessere Produkte? Und woher kriegt man diese Ideen?

Rügenwalder Mühle gilt als sehr innovativer Mittelständler. Das liegt auch daran, dass das Unternehmen seit 2014 vegetarische Produkte verkauft – für einen Fleischproduzenten ist das mindestens mutig. Und es zahlt sich aus: Knapp ein Fünftel tragen die Veggie-Produkte inzwischen schon zum Umsatz bei. "Sogar die Fleischvarianten verkaufen sich heute besser", sagt Rabea Jantzen von der Rügenwalder Mühle. Sie vermutet, dass das am verbesserten Image der Marke liegt.

Jantzen ist seit Anfang des Jahres offiziell Innovationsmanagerin bei Rügenwalder Mühle, vorher hat sie dort im Marketing gearbeitet. Sie kann sich nun hauptberuflich um neue Produkte kümmern, von der Idee bis zur fertigen Wurst. Zum Beispiel moderiert sie eine monatliche Runde, bei der Mitarbeiter verschiedener Abteilungen – Einkauf, Produktion, Vertrieb – zusammenkommen, um Input zu einem Produkt zu geben, das gerade in der Entwicklung ist. Wie teuer sind die Rohstoffe? Welche Schwierigkeiten könnte es bei der Herstellung geben? Mit welchen Argumenten könnte man später Supermärkte überzeugen, die Wurst ins Sortiment zu nehmen? Noch einige neue Veggie-Varianten sollen im Laufe des Jahres in den Handel kommen.

Aber wie lässt sich messen, wie innovativ ein Unternehmen wirklich ist? Wenn es, wie Rügenwalder Mühle, regelmäßig neue Produkte hervorbringt, die gekauft werden, ist das noch greifbar. Der Anteil, den Neuprodukte am Umsatz eines Unternehmens haben, gilt in der Wissenschaft als guter Indikator für die Innovationskraft einer Firma. Für forschungsintensive oder technologiegetriebene Branchen können auch Patentanmeldungen und Investitionen in Forschung und Entwicklung ein guter Hinweis sein. Weniger greifbar, aber keineswegs weniger wichtig, ist das, was oft als "Innovationskultur" bezeichnet wird. Studien belegen, dass insbesondere die Kommunikation im Unternehmen eine Rolle spielt: Wenn Wissenschaftler die Innovationskraft einer Firma einschätzen wollen, fragen sie deren Mitarbeiter deshalb zum Beispiel, an wen sie sich mit einer Idee oder Anregung wenden würden oder wie viele Kontakte sie in andere Abteilungen des Unternehmens haben.