Von Mussolini, dem Duce, dem faschistischen Führer Italiens, hat sich dieses Bild eingeprägt: Verstummt und verstümmelt, baumelt er im Frühjahr 1945 vom Dach einer Mailänder Tankstelle. Ermordet von Antifaschisten, geschändet von Schaulustigen, aufgehängt wie Vieh auf dem Wochenmarkt: "Fast schien es, als wollten die Massen von Mailand mit dem Manne selbst auch die Erinnerung an ihn und die eigene Verstrickung in den Faschismus auslöschen", so resümiert Hans Woller nun in seiner Biografie Mussolini. Der erste Faschist.

Dem Münchner Historiker geht es stets um mehr als um den Lebensweg eines Diktators: Minutiös und angesichts von nur 397 Seiten erstaunlich detailliert rekonstruiert er Aufstieg und Untergang, Wesen und Unwesen des Mannes, der nicht nur den Begriff Faschismus prägte, sondern auch die dazugehörige mörderische Ideologie auszufüllen wusste. Die großen Kapitel des Buches, die stets mit einem markanten Punkt der Entwicklung Mussolinis – einem Datum, einem Ort – überschrieben sind, analysieren zugleich konzentriert die italienische Gesellschaft und den internationalen Kontext und können so zum Beispiel deutlich machen, wie grausam und effektiv die Achse Rom–Berlin war.

Das Buch ist der Auftakt zu einer losen Reihe des Verlags, mit der das Institut für Zeitgeschichte in München den großen Schreckensmännern des 20. Jahrhunderts nachspüren will. Dem Anspruch, Biografien auf dem neuesten Stand der Forschung herauszubringen, die zugleich für ein breites Publikum lesbar sind, wird Woller mehr als gerecht. Und doch drängt sich ob der sprachlichen Dichte fast ein literarischer Vergleich auf, denn ähnlich Gabriel García Márquez’ Chronik eines angekündigten Todes ist dies eines der wenigen Bücher, in denen kein Wort zu viel steht. Keines ist kürzbar.

Im letzten Kapitel, das mit Predappio, 28. April 2014 überschrieben ist, streift der Italien-Experte endgültig das Wissenschaftskorsett ab und wird zum Reisereporter: Woller nimmt seine Leser mit in Mussolinis Geburtsstadt und feiert, undercover, mit Neofaschisten einen Duce-Feiertag, verbringt einige Zeit in der Provinz. In die lebhaften Beschreibungen aber streut er gekonnt Informationen zum Nachleben des Duce: über seine umstrittene Beisetzung 1957, über die Verwebungen von Mussolini-Forschung und Berlusconi-freundlicher Geschichtspolitik, über die Hilflosigkeit des gegenwärtigen Italiens, in dem man nach wie vor nicht weiß, wie man mit dem Erbe des toten Totalitaristen umgehen soll. Diesem Buch sind zahlreiche Übersetzungen zu wünschen.

Hans Woller: Mussolini. Der erste Faschist; C. H. Beck Verlag, München 2016; 397 S., 26,95 €