Endlich Teil von etwas Großem sein – Seite 1

Als echte Inseln dürfen eigentlich nur solche gelten, für die man eine Fähre nehmen muss, um sie zu erreichen. Kein Flugplatz und kein Damm darf sie mit dem Verkehrsstrom der Welt verbinden. Eine solche Insel ist Föhr. Schon der kleine Bummelzug, der einen zur Mole nach Dagebüll bringt, bremst einen unmissverständlich aus. Dann betritt man die Fähre, die sich eine Stunde lang gemütlich stampfend durch die Nordsee kämpft. Das Schiffsrestaurant ist gut gefüllt, denn das Biikebrennen zieht viele Touristen auf die Insel: 14 große Feuer werden am Abend des 21. Februar entfacht, die den Winter vertreiben sollen.

Aber wir sind nicht wegen des Biikebrennens auf Föhr, sondern um den Schriftsteller Nis-Momme Stockmann zu treffen, der hier aufwuchs. Wobei die Feuer gut zu seinem Roman Der Fuchs passen, durch den auch ein prometheischer Funke fliegt. Stockmann ist ein sehr erfolgreicher Theaterautor, mit seinem Romandebüt hat er es jetzt sogleich auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft. Dieser Roman spielt zwar nicht auf Föhr, aber doch in der nordfriesischen Tiefebene, in der Marschlandschaft hinter den Deichen. Dort liegt das Dorf mit dem mythischen Namen Thule (in der Antike Chiffre für den nördlichsten Ort der Welt), das in diesem Roman, der sich wahrlich nicht kleinmacht, sondern die ganz großen Fragen stellt und alles bis zum Äußersten treibt, von einer Springflut heimgesucht wird, die irgendwo zwischen Klimakatastrophe und Dies Irae, Tag des Zorns, oszilliert. Nur noch die Dächer von Thule ragen aus den Wellen der Nordsee heraus. Die Welt ist aus den Fugen, und man hat das Gefühl: Endlich passiert mal was.

Stockmann hat eine Kochlehre angefangen, er hat in Dänemark studiert, lange in Kiel gelebt und wohnt jetzt in Berlin. Sein letzter Föhr-Besuch liegt einige Zeit zurück.

Wir spazieren durch Wyk, dessen Strandpromenade diese leicht lieblose Ausstrahlung der siebziger Jahre hat. Auch ein Friesenmuseum gibt es hier. Stockmann erinnert sich, wie er sich als Elfjähriger bei der Freiwilligen Feuerwehr von Oldsum anmelden wollte. Wer nicht bei der Freiwilligen Feuerwehr mitmachte, gehörte nicht zum Dorf. Das Problem war nur: Seine Eltern kamen nicht von Föhr, sie sprachen also auch kein Friesisch. Als sich das Kind Nis-Momme im Dorfgasthof an den zuständigen Mann wendet, antwortet der auf Friesisch, wohl wissend, dass der Junge ihn nicht versteht. Im Gasthof verfolgen alle glucksend die bizarre Szene. Der Junge wiederholt seinen Aufnahmewunsch, aber der Typ von der Feuerwehr bleibt grinsend beim Friesischen und lässt ihn unter allgemeinem Gelächter abblitzen.

In der Grundschule, die Stockmann besuchte, waren die ersten vier Klassen zusammengefasst, trotzdem war man nur zu dritt. Dafür gab es die Eltern und die Geschwister. "Ich finde, ich hatte eine schöne Kindheit", sagt Stockmann: "Ich bin an einem guten Ort aufgewachsen und hatte tolle Eltern. Auch wenn es schon ein bisschen autistisch war." Und er fügt hinzu: "Es ist nicht leicht, diese Leute hier zu lieben, aber irgendwie mag ich sie schon in ihrer zugeknöpften Seltsamkeit."

Kein Wunder, dass Der Fuchs das Gegenteil eines Großstadtromans ist. Trotz der Weite der Landschaft hinterm Nordseedeich ist es die klaustrophobische Geschlossenheit eines Dorfes, in der sich die dann allerdings alle Grenzen sprengende Handlung entfaltet. Ist Thule nur ein Kaff oder das Zentrum einer kosmischen Verschwörung? Der Fuchs beginnt wie ein sprachlich raffinierter, aber doch typischer Coming-of-Age-Roman. Im Zentrum steht der Ich-Erzähler Finn Schliemann, der mit seinen Kumpels in Thule die Zeit totschlägt. Sie hocken in der Dachkammer vor dem Fernseher und schalten "rosenkranzartig von der ARD hoch zu RTL 2 und wieder zurück" und essen dazu Tiefkühlpizza. Für Adrenalin sorgen nur die Baschi-Brüder, typische Asis, vor denen sich alle fürchten. Aber vor allem gibt es die öde Langeweile, weil einfach nie etwas passiert. Katastrophen sind hier etwas vom anderen Ende der Welt, wovon man nur aus der Zeitung erfährt. Das Verkorkste des eigenen Lebens hingegen wird als selbstverständlich genommen: dass Finns Vater sich umgebracht hat, dass sein Bruder Reini geistig behindert ist. Dass seine Mutter, Zigaretten rauchend, immer grauer, stummer und depressiver wird. Dass der Vater seines Freundes Tille ein Alkoholiker und Choleriker ist, dem immer mal wieder die Hand ausrutscht.

Einmal spielt Finn mit Tille, Dogge und Diego Verstecken. Leider fällt er den Baschi-Brüdern in die Arme.

" ›Was machst du hier, du kleines Stück Kot?‹

›Spielen‹, will ich schon fast sagen – stattdessen sage ich: ›Rumhängen.‹

›Du hast hier nicht rumzuhängen.‹

›Warum nicht?‹, frage ich mit abknickender Stimme, was sie sichtbar freut.

›Zum einen – weil du uns bei unserem, sehr viel wichtigeren Rumhängen mit deiner schwulen Fresse störst –‹

›Die eine kundige Umgestaltung dringend mal nötig hätte‹, ergänzt der Kleine.

›Zum anderen weil das hier unser Gebiet ist – und niemand unser Gebiet betritt.‹

›Ich wusste nicht, dass das euer Gebiet ist‹, sage ich.

›Ach nein?‹, fragt der Kleine.

›Nein‹, sage ich.

›Hast du das Schild nicht gesehen?‹

›Nein‹, sage ich.

Es ist egal. Es gibt kein Schild. Und keinen guten Verlauf des Gesprächs.

›Zum einen‹, sagt der Große, ›Dummheit schützt vor Strafe nicht. Und zum anderen: Ich glaube dir nicht, dass du das Schild nicht gesehen hast. Weil, sonst wärst du nicht sofort abgehauen, als du uns entdeckt hast.‹

Das ist wirklich der größte Witz – weil wirklich alle immer abhauen, wenn sie die Baschis sehen."

Solche Dialoge macht Stockmann im Moment keiner nach. Da merkt man den Theaterprofi. Der Rhythmus der Wechselrede funktioniert wie eine Drohchoreografie, und zugleich charakterisieren die Sätze immer zugleich Haltung und Mimik der Sprecher, ohne dass der Autor das eigens beschreiben müsste.

Dorfroman, Verschwörungsthriller und Gegenwartsdiagnose

So könnte das Leben in Thule immer weitergehen, dröger Trott mit gelegentlichen Stromschlägen durch die Baschi-Brüder: "Lieber grobe und stumpfe Gefühle als keine ist die Losung der Baschis. Lieber den einen oder anderen Adrenalinschub als ein völlig tal- und spitzenloses EEG." Doch dann taucht Katja auf, und plötzlich bekommt die Sinuskurve des Lebens schwungvolle Ausschläge. Finn ist hin und weg. Von Katja geht eine Magie aus, sie hat einen anderen Blick auf das Dorf, auf die Welt. In ihrem Eigensinn verfügt sie über eine Autorität, vor der sogar die Baschis in die Knie gehen. Finn hängt an ihren Lippen, denn sie spricht eine Sprache, in der die Dinge Bedeutung gewinnen. Katjas Standpunkt: Thule ist das Zentrum eines viel größeren Kampfes, des Kampfes zwischen Ordnung und Schönheit. Und Finn sei eine Schlüsselfigur in diesem Kampf, er müsse das nur endlich einsehen. Hm, Finn ist sich da nicht so sicher, vielleicht hat die hübsche Katja auch nur eine Schraube locker. Sei es nicht, meint Finn, total unwahrscheinlich, dass ausgerechnet hier und jetzt etwas Bedeutendes passiere? Diese Kleinmannssucht, die sich um alles Große bringt, verfängt bei Katja nicht. So ziemlich alles sei unwahrscheinlich, entgegnet sie: "Das Universum ist 13,8 Milliarden Jahre alt. (...) Wenn man vor 13,8 Milliarden Jahren ausgerechnet hätte, wie hoch die Wahrscheinlichkeit sein würde, dass wir uns hier und heute treffen und genau auf diese Art und Weise genau dieses Gespräch führen, dass die Moleküle der Welt exakt so gestellt sind, dass die Atome sich so bewegen und die Strings so schwingen – was glaubst du, was das ergeben hätte?" Und jetzt wechselt sie ins Register eiserner Kausalität: Und doch sei es genau so gekommen. "Das logische Resultat aller vorangegangenen Ereignisse." Und sie fügt hinzu, nun wiederum an die Spontaneität der Freiheit appellierend: "Traust du dir und mir, diesem Ort und dieser Zeit nicht zu, die größte und bedeutendste von allen zu sein? Eine Schwelle in eine neue Welt?"

Katja spricht von Tunneln, Portalen und Übergängen, die in eine andere Welt führten und die ein sehr schlauer Fuchs gegraben habe. Dieser Fuchs suche ihn, Finn. "Mich? Warum?" – "Um dir in den Arsch zu beißen, damit du endlich mal aus dem Quark kommst."

Und plötzlich geht es nicht mehr um eine Pubertätsliebe, sondern um die Frage, ob man den Glauben wiederfindet, dass es um etwas gehen könnte, ob man diese "breiige" und "suppigste" aller Zeiten hinter sich lassen kann und Wörter wie Romantik, Ideal, Ehre, Würde, Liebe wieder Gewicht haben, weil man in einem großen Kampf gebraucht wird. Von da an bewegt sich Der Fuchs auf atemberaubend kühne Weise zwischen Dorfroman, Science-Fiction, Schöpfungsmythos, Verschwörungsthriller und großer Gegenwartsdiagnose. Es geht um alles: um Metaphysik, um den Sinn des Lebens, um Zivilisationskritik, um das Grau der Gegenwart und das Elend der Postmoderne.

Nis-Momme Stockmann ist ein unbedingter Schriftsteller. Vielleicht hat das mit der Theaterwelt zu tun, aus der er kommt. Die Theaterwelt unterscheidet sich erheblich von der Literaturwelt. Es sind zwei völlig verschiedene Milieus, die nach anderen Kommunikationsgesetzen funktionieren. Im Theater zählt die große revolutionäre Geste. Der Literaturbetrieb ist dagegen auf bescheidene Redlichkeit getrimmt. Die deutsche Gegenwartsliteratur hat in den vergangenen 15 Jahren alle Kraftposen tunlichst abgelegt. Nur nicht den Mund zu voll nehmen. Nur nicht die Latte zu hoch hängen, man könnte sie reißen und als präpotent dastehen. Im Theater ist Präpotenz hingegen die natürliche Art des Seins. Da muss man immer die ganze Welt deuten, die Gesellschaft in Grund und Boden verdammen und darf nie um eine global-politische Parole verlegen sein. Die Literatur ist leise, das Theater laut.

Stockmann lauscht unserer Theoriebildung mit konzentrierter Distanz, als wolle er sagen: Wenn Sie meinen, bitte sehr! Dann sagt er: "Ich habe eher den Eindruck, wir fürs Theater Schreibende sind für Literaturkritiker mindere Autoren."

Wie auch immer. Es kommt nun also ein junger Schriftsteller vom Theater, der ein echtes Sprachgenie ist, und trägt diesen Mut zu den großen Entwürfen in die Literaturwelt hinein. So was war man nicht mehr gewohnt. Und weil Stockmanns Wille zur großen Konstruktion handwerklich solide untermauert ist, geht das nicht schief. Der Fuchs ist ein Roman, der mit allen Wassern der Postmoderne gewaschen ist, um uns aus dem Elend der Postmoderne zu erlösen. Aber kann das gehen? Oder ist die Erlösung aus der Postmoderne mit den Mitteln der Postmoderne nicht weiterhin Postmoderne? Findet Stockmann tatsächlich wieder eine große Erzählung, an die zu glauben sich lohnt? In welchem Zeichen lässt er Ironie und Relativismus hinter sich? Die große Erzählung, die Stockmann gegen das Breiige unserer postpathetischen Epoche aufbietet, ist nur ein literarisches Vexierspiel, doch was heißt hier "nur"?

Wir wollen von ihm wissen, was denn nach der Postmoderne kommen könne. "Der Roman", sagt Stockmann mit ruhigem Selbstbewusstsein, "ist in letzter Konsequenz feige, weil er den Schritt hinaus nur andeutet, aber nicht formuliert. Das ist das Dilemma der Postmoderne, dass sie immer nur weiter dekonstruiert, wir müssen aber etwas Neues bauen!" Ihm ist natürlich klar, dass der Schriftsteller nicht als munterer Sinnstifter auftreten kann, der den Leuten eine neue Losung verrät. "Wir hatten nach dem Mauerfall lange einen Ideologie-Kater. Mein Gefühl ist, dass es jetzt wieder eine Ideologie-Sehnsucht gibt." Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Im Fuchs geht Thule im Sommer 2012 in einer Springflut unter. Das hatte Katja, die längst in eine Psychiatrie eingeliefert worden ist, vorhergesagt. So schildert Finn den Morgen der Springflut: "Ich erinnere mich, wie ich aufgewacht bin. Dogge rüttelte an meiner Schulter und sah mich mit diesem seltsamen Blick an. Außer Ernst und Notfall war da noch was anderes – ja: eine Winzigkeit von Enthusiasmus. Der Soldat, der den Anruf kriegt: ›Krieg – oh Gott‹ – aber auch: ›Gute Güte, Mama, dein Sohn: Endlich Teil von was Großem.‹"

Was ist dieses Große? Eben der Krieg zwischen Schönheit und Chaos auf der einen und Ordnung auf der anderen Seite. Oder wie es Katja mit den heißen Wangen der Rebellin verkündet: "Es ist der alte Krieg zwischen schöpferischer Energie und der Verschubladung der Welt."

Und damit sind wir auf einer weiteren Ebene dieses kühnen Romans, auf der die Geschichte der babylonischen Götter Tiamat, Abzu und Marduk inszeniert wird. Tiamat darf man sich als ozeanische Urmutter vorstellen, die den Abzu hervorgebracht hat. Abzu liebt Tiamat, aber er leidet auch unter etwas, was man Schöpfungsneid nennen könnte. Dass Tiamat alles und auch ihn hervorgebracht hat, kränkt Abzus Narzissmus. Zumal er Tiamats Schöpfung, bei aller Liebe, für unvollkommen, fehlerhaft, ja regelrecht für systematisch falsch eingefädelt hält. Was ihm vorschwebt, ist ein exakt berechenbares Universum. So bringt Abzu Marduk hervor, ein roboterhaftes Zombiewesen, das sich alsbald gegen seinen Schöpfer erhebt und diesem mitleidlos einen Arm ausreißt.

Just diesen Arm finden Finn und seine Jungs in der Nähe des Schöpfwerks. Und hier nun nimmt der Roman in einer perfekten literarischen Paranoia-Inszenierung seine extraterrestrische, multikosmische, metaphysische Ausfahrt. Thule wird zum Austragungsort eines geradezu philosophischen Kampfes zwischen jenen Mächten, die auf ein vollständig berechenbares, digitales Universum setzen, das am Reißbrett entworfen wurde, und der Tiamat-Welt chaotischer, dafür seelenvoller Kreativität. Die Agenten der Exaktheit, die gerne Herr über Raum und Zeit wären, leiden daran, dass alles Unbedingte in dieser Welt lebendigen Seins immer nur asymptotisch zu erreichen ist, eben nie ganz. Zwischen der Idealität und der Realität gibt es immer eine Lücke. Man kann sich anstrengen und diese Lücke verringern, immer weiter verringern, bis man sie mit bloßem Auge kaum mehr sehen kann, aber die Lücke bleibt, als Riss durchs Sein. Immer wird der perfekte Entwurf "nur fast" erreicht, aber in diesem "nur fast", in diesem knappen Verfehlen, in dieser nicht herauszukürzenden Unvollkommenheit, in dieser Nicht-Deckungsgleichheit von Zahl und Sein liegt – hier darf man durchaus einen religiösen Begriff lancieren – die Gnade des Lebens. Das Chaos mag unvollkommen sein, aber es hat Erbarmen mit uns Unvollkommenen.

Ist Finn, der den Arm entdeckt hat, nun tatsächlich Teil eines metaphysischen Krieges? Oder sind wir den Einbildungen des Ich-Erzählers aufgesessen? Auch wenn es nur Einbildung war: Für diesen Kampf lohnt es sich – nun: vielleicht nicht zu sterben, aber doch diese 700 fulminanten Seiten zu lesen.

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs
Roman; Rowohlt Verlag, Reinbek 2016; 720 S., 24,95 €, als E-Book 21,99 €