Das Regime in Nordkorea behält bis zu 90 Prozent des Lohnes ein

Asan-Leute haben die Anatomie dieses Systems erforscht und Muster gefunden, die für sie klar auf den Tatbestand der Ausbeutung hinweisen: Die Arbeiter unterschreiben demnach keine individuellen Verträge mit den ausländischen Firmen, ihre Arbeitskraft wird von einem nordkoreanischen Staatsunternehmen verwaltet, das sie ins Ausland schickt. Und das Gehalt wird nicht direkt an die Arbeiter überwiesen, sondern an ebendieses Unternehmen. Das Regime behält dann bis zu 90 Prozent des Geldes ein. Ein "Report über Menschenhandel" der US-Regierung von 2008 kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Und auch auf der US-Liste steht: Polen.

Bereits im August 2013 hatte das Magazin Newsweek Polska über die Farm des Tomatenzüchters Kociszewski berichtet. Das Magazin hatte in Masowien, der größten Region Polens, nachgefragt, wer die Anträge stellt, die genehmigt werden müssen, damit ein Ausländer in Polen arbeiten darf. In dem Artikel steht, "dass die meisten Anträge von der Landwirtschaftsgruppe Kociszewski stammten sowie dem Pjöngjang-Büro für Gartenbau, einer koreanischen Gesellschaft, die bei der Vermittlung der Arbeiter an Tomasz Kociszewski behilflich ist". Im Jahr 2006 deckte der Journalist Mikołaj Chrzan einen weiteren Fall auf: Es ging um nordkoreanische Schweißer in einer Danziger Werft.

Den polnischen Behörden ist bekannt, dass Nordkoreaner in Polen arbeiten, sie haben die Arbeitserlaubnisanträge genehmigt. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten hat Geschichte, einst waren sie sozialistische Bruderländer. Heute zeigt sich die polnische Regierung irritierend tatenlos. Zwar beschrieb ein Sprecher der Behörde, welche die Umstände untersuchte, unter denen die etwa zwanzig nordkoreanischen Schweißer in der Danziger Werft angestellt waren, später als "kriminell". Doch der damalige Vize-Arbeitsminister Kazimierz Kuberski sagte im Jahr 2007: "Es ist kriminell. Aber wir sind hilflos." Ein Sprecher des Außenministeriums versprach daraufhin, seine Behörde werde sich der Sache annehmen. Doch dann geschah: nichts. Die nordkoreanische Botschaft in Warschau zeigte ohnehin keine Reaktion.

Zeit, dem Tomatenzüchter Kociszewski einen Besuch abzustatten. Seine Farm ist eine gewaltige Anlage, groß wie eine Fabrik, die sich auf den Feldern hinter Piotrowice erhebt. Hinter einem 1,70 Meter hohen Zaun verbirgt sich ein mehrstöckiges Bürogebäude mit braun verglasten Fenstern. Das Tor ist verschlossen, es gibt weder Klingel noch Türschild. Nur die Werbung eines Anbieters für Sicherheitsdienste: Solid Security.

Floh ein Arbeiter, wurde seine ganze Familie bestraft – und ins Arbeitslager gebracht

Solid Security hat offenbar ganze Arbeit geleistet, auch bei den Gewächshäusern nebenan, die von einer mehr als zwei Meter hohen Betonmauer umgeben sind. Das Reifen von Tomaten erfordert hier offenbar vor allem eines: Geheimniskrämerei. Der Ort wirkt wie ausgestorben, kein Mensch ist zu sehen. Nach langem Warten kommt ein Lastwagen vor dem Tor zum Stehen, er sei hier, um Tomaten abzuholen, sagt der Fahrer, schnell schlüpfen wir mit ihm durch das Tor. Eine junge Frau tritt aus dem Bürogebäude. Sie sagt: "Es ist keiner da. Ich kann keinerlei Informationen herausgeben." Die Chefs seien verreist. Und dann? "Auch nächste Woche sind sie nicht da." Und die Woche darauf? "Da müssen sie Unterlagen sortieren und werden nicht ansprechbar sein." Und dann? "Sind sie beschäftigt." Könne man anrufen? "Wir geben keine Telefonnummern heraus." Könne man schreiben? "Wir geben auch keine E-Mail-Adressen heraus." Könne sie freundlicherweise einen Ansprechpartner nennen? "Das tun wir nicht. Der Chef möchte ganz sicher nicht von Ihnen in dieser Sache behelligt werden." Sie wisse doch gar nicht, um welche Sache es gehe? "In keiner Sache. Auf Wiedersehen."

Das Tor schließt sich.

Wenn man außen an der Mauer entlangläuft, kann man durch Schlitze gucken und die Gewächshäuser erkennen, Tomaten in allen Reifegraden, grün, gelb und rot. Einmal um das ganze gewaltige Areal herum, durch Feld und Morast, eine Schlange zischt vorbei. Nur an einer kleinen Stelle ist die Mauer durchbrochen, an einem Zaun dort hängt eine Arbeitsjacke.

Ein grüner Toyota fährt den Feldweg entlang, zwei Männer, Ostasiaten, sitzen darin. Sie sind modisch gekleidet, vielleicht die Sicherheitsleute? Wir winken, sie bleiben stehen, wir gehen auf sie zu, sie fahren schnell weiter.

Durch die Ritzen erkennt man ein einstöckiges gelbes Haus, Bänke und eine Hollywoodschaukel, davor eine Art Teich. Eigentlich wäre es hier ganz idyllisch, stünde da nicht diese hohe Mauer. Wäre da nicht ein weiteres hohes, fest verschlossenes Tor, ohne Klingel und Schild, das mit Sichtblenden verkleidet ist. Plötzlich steht dort, wo eben noch die Arbeitsjacke hing, ein Mädchen, das mit einem Gartenschlauch die Glasfenster des Gewächshauses abspritzt. Sie ist etwa 20 Jahre alt, das Haar hat sie unter einer Kappe zum Pferdeschwanz gebunden, sie trägt Gummistiefel, Jeans und ein T-Shirt mit der Comicfigur Tweety darauf. Darüber steht: "Happy Girl, Sweet Girl". Das Mädchen hört uns nicht kommen. Als sie unseren koreanischen Gruß vernimmt, zuckt sie zusammen. Dreht sich um. Zu mehr reicht unser Koreanisch leider nicht, wir versuchen es auf Chinesisch, Japanisch, Englisch, Polnisch. Sie schweigt. Als sie die Kamera sieht, ergreift sie den Wasserschlauch und spritzt uns nass.

Wer ist dieses Mädchen? Wie ergeht es ihr auf der Tomatenfarm?