Wir werden es nicht herausfinden. Immerhin aber können wir mit einstigen nordkoreanischen Zwangsarbeitern sprechen, die von anderen Orten geflohen sind – und deshalb frei über ihre Erfahrungen berichten können. Einer von ihnen ist Il Lim, 47, der Zwangsarbeiter in Kuwait war. Gemeinsam mit einem Landsmann ist er nach Berlin gereist, er heißt Myeong Chul Ahn und war Wärter in einem Arbeitslager in Nordkorea. Beide leben mittlerweile in Südkorea und setzen sich mithilfe der Nichtregierungsorganisation NK Watch für Menschenrechte in Nordkorea ein. Il Lim wirkt heute in seinem eleganten Anzug und der modischen Brille wie ein südkoreanischer Geschäftsmann, doch es gab eine Zeit, da sah er völlig anders aus.

Im Jahr 1995 ging Il Lim nach Kuwait, um dort auf dem Bau zu arbeiten. Man zwang ihn nicht dazu, er wollte unbedingt – so wie viele andere, die sich um einen Job im Ausland bewarben. "Man hatte mir Hoffnung gemacht, 120 Dollar im Monat zu verdienen" – für nordkoreanische Verhältnisse ein Vermögen. Das Auswahlverfahren sei hart gewesen, erinnert sich Il Lim: "Die Behörden nehmen nur einen von hundert. Es dürfen nur Leute ausreisen, die absolut parteitreu sind. Fünf Jahre lang darf man kein einziges Parteitreffen verpasst haben. Natürlich darf man nicht straffällig geworden sein, Männer müssen verheiratet sein, selbst die Stabilität der Ehe wird überprüft." Als Il Lim in Kuwait ankam, seien dort, berichtet er, etwa 2.000 Nordkoreaner tätig gewesen. Fünf Monate lang habe er 13 Stunden am Tag gearbeitet. "Ich habe nur sehr wenig dafür bekommen, viel weniger, als mir versprochen wurde." Der Arbeitgeber habe das Geld an eine Schweizer Bank überwiesen, von dort sei es direkt an die nordkoreanische Regierung gegangen. "Verwaltet hat die Finanzströme der nordkoreanische Vorarbeiter."

Il Lim hatte gehofft, seine Familie daheim ernähren zu können, es war die Zeit der Hungersnöte, und den Menschen fehlte es an allem. Doch daran war nicht zu denken. "Unser Vorarbeiter sagte, wir sollten froh sein, so viel zu essen zu haben. Wir bekamen in Kuwait drei Mahlzeiten am Tag", sagt Il Lim. Der Kontakt zu Arbeitern anderer Nationen sei strikt untersagt worden. "Alles war mit Stacheldraht abgezäunt. Uns wurde erzählt, das sei für unsere eigene Sicherheit, Kuwait sei ein gefährliches Land. Natürlich haben wir es geglaubt." Il Lim beschloss dennoch zu fliehen. "Ich wusste nicht, wohin, wusste nicht mal, dass es so was wie eine südkoreanische Flagge überhaupt gibt und wie sie aussieht. Aber die Umstände waren so schlimm, ich wollte einfach raus und nie wieder nach Nordkorea zurückkehren."

Il Lim schaffte es in die südkoreanische Botschaft, er war der erste nordkoreanische Zwangsarbeiter in Kuwait, dem das gelang. Noch immer ist er in großer Sorge um seine Eltern und seine Frau. Früher wurde, wann immer ein Arbeiter floh, gleich die ganze Familie bestraft und ins Arbeitslager gebracht. "Ich habe keine Möglichkeit herauszufinden, was mit meiner Familie geschah."

Seit der Machtübernahme von Kim Jong Un vor gut vier Jahren habe sich die Zahl der Zwangsarbeiter verdoppelt, sagt Myeong Chul Ahn. "Es ist ein Weg, die Sanktionen zu umgehen." 90 Prozent der Einkünfte gehen laut Recherchen der Organisation NK Watch direkt an Kim Jong Un. "Er finanziert damit seinen luxuriösen Lebensstil, er lebt viel ausschweifender als sein Vater."

Über die Verhältnisse in Polen sind die beiden Männer nicht informiert, sie vermuten jedoch, dass es dort ähnlich ablaufe. Das Programm werde schließlich von einer zentralen Behörde in Pjöngjang koordiniert. "Dort arbeiten sehr gut ausgebildete Wirtschaftsexperten", sagt Il Lim. "Darüber hinaus gibt es die Attachés in den einzelnen Ländern, die bestens über deren wirtschaftliche Situation und Arbeitskräftebedarf informiert sind." Nordkoreanische Arbeiter, glaubt Il Lim, seien für Arbeitgeber im Ausland sehr attraktiv. "Wir sind die billigsten und fleißigsten Arbeitskräfte und sehr gehorsam. Wir kennen es ja nicht anders."

Wir versuchen, einen Termin bei der nordkoreanischen Botschaft in Warschau zu bekommen, um sie mit den Vorwürfen zu konfrontieren. Doch Mail-Anfragen bleiben unbeantwortet, keiner geht ans Telefon. Als wir schließlich vor dem Botschaftsgebäude in Warschau stehen, schaffen wir es gerade mal, in die Rezeption vorzudringen. Die braunen Sessel sind mit weißen Spitzendeckchen dekoriert, eine junge Mitarbeiterin schaut in ihrem Rezeptionshäuschen einen nordkoreanischen Propagandafilm. Auf einem alten braunen Telefon wählt sie die Nummer des Botschaftssekretärs, der verspricht, sich zu melden, und nie wieder von sich hören lässt.

Ein polnischer Diplomat, der anonym bleiben will, zeigt sich von unserem Empfang in der nordkoreanischen Botschaft nicht erstaunt. Kürzlich, erzählt er, habe die Botschaft anlässlich des nordkoreanischen Nationalfeiertags eingeladen. "Da waren gerade mal eine Handvoll Menschen." Der frühere Botschafter in Polen war ein Halbbruder Kim Jong Ils, der 26 Jahre lang auf seinem Posten diente. "Wir haben ihn nicht einmal gesehen", sagt der Diplomat. Nie träte die nordkoreanische Botschaft mit einem Anliegen an polnische Behörden oder Ministerien heran. "Was die hier wollen, ist uns ein Rätsel."

Wie kann es sein, dass mitten in einem europäischen Land Nordkoreaner arbeiten, bei denen der Verdacht besteht, dass sie Zwangsarbeiter sind. Warum stellen ihnen Behörden Arbeitsvisa aus? Was sagt die Arbeitsinspektion? Wie reagiert die Politik?