Die Abteilung "Ausländerangelegenheiten" des Präfekturbüros der Region Masowien, zu der auch Warschau und das Dorf Piotrowice gehören, erteilt 50 bis 60 Prozent der ausländischen Arbeiter in Polen ihre Arbeitserlaubnis. Auch die Anträge der Firma Kociszewski sind über die Schreibtische dieser Abteilung gegangen. Den größten Teil der ausländischen Arbeiter stellten mit 70 Prozent die Ukrainer, sagt die stellvertretende Direktorin Jaqueline Sánchez-Pyrcz. "Die Nordkoreaner machen gerade mal ein Prozent der Arbeitserlaubnisse aus, die wir hier rausgeben." Nur 202 Anträge waren es in ihrer Region im Jahr 2015. Das Jahr zuvor 194. In ganz Polen wurden laut polnischen Regierungsstatistiken im vorvergangenen Jahr 377 Anträge gestellt. Ablehnungen gab es kaum. Eine Statistik darüber, welche Firmen Nordkoreaner beschäftigen, führe man nicht, teilt man uns auf Anfrage in mehreren Ministerien mit. Meist gehe es um sehr einfache Tätigkeiten in der Land- und Bauwirtschaft, sagt Sánchez-Pyrcz. Um sie zu genehmigen, brauche ihre Behörde wenige Informationen, es müsse lediglich nachgewiesen werden, dass kein Pole um eine solche Stelle konkurriere. Wie genau die Kooperation mit den Firmen aussehe, wisse sie nicht, "wir kümmern uns nur um die Erlaubnis".

An die Artikel der Gazeta Wyborcza und in Newsweek, sagt Sánchez-Pyrcz, könne sie sich dunkel erinnern. "Sie haben keine große Reaktion hervorgerufen. Es handelt sich ja nur um sehr wenige Arbeiter." Man müsse, sagt Sánchez-Pyrcz, verstehen, wie eine Behörde arbeite. "Wir können erst dann etwas tun, wenn es eine Beschwerde oder eine Vorgabe eines Ministeriums gibt. Und beides gab es in diesem Fall nicht."

Die Nationale Arbeitsinspektionsbehörde ist nur zu einer schriftlichen Stellungnahme bereit. Darin berichtet sie von 17 Kontrollen in 14 Firmen, die Nordkoreaner beschäftigen. Es gehe dabei um die vergangenen fünf Jahre. Sie habe dabei eine ganze Reihe von Verstößen ausgemacht: In einigen Fällen seien der Lohn oder das Überstundenentgelt vorenthalten worden, anderswo hätten Arbeiter keinen Urlaub nehmen können. Bisweilen habe man rechtswidrige Arbeitsumstände festgestellt. Zu einem persönlichen Gespräch oder zumindest einem Telefonat, um diese Punkte zu erhellen, ist die Behörde nicht bereit.

In Polen verschwindet das Thema in den Untiefen von Bürokratie und Politik

Dass es anders geht, zeigt Tschechien. Bis vor ein paar Jahren waren auch dort nordkoreanische Arbeiter tätig, Schneiderinnen zumeist, die in Textilfabriken nähten. Die Regierung in Prag hörte im März 2006 die Zeugenaussage eines gewissen Kim Tae San. Bis zu seiner Flucht nach Südkorea im Jahr 2002 war er ein nordkoreanischer Diplomat in Prag, er war dort mit der Vermittlung von Arbeitern betraut. "Fast ihr gesamtes Einkommen", sagt Kim, "wurde direkt auf ein Konto eingezahlt, das von der nordkoreanischen Regierung kontrolliert wurde." 55 Prozent des Gehalts seien als "freiwilliger" Beitrag für Nordkorea abgezogen worden, fast der gesamte Rest für Übernachtung und "freiwillige" Geburtstagsgeschenke für Nordkoreas Führer. Am Ende seien den Frauen gerade mal 20 bis 30 Dollar im Monat geblieben. Infolge der Anhörung beschloss die Regierung in Prag, keine Visa an Nordkoreaner mehr auszugeben.

In Polen dagegen verschwindet das Thema in den Untiefen von Bürokratie und Politik. Und die Zivilgesellschaft? Auf unsere Anfrage hin erklären sich die polnischen Gewerkschaften für nicht zuständig. Baubranche und Landwirtschaft sind ohnehin kaum gewerkschaftlich organisiert. Auch polnische Menschenrechtsgruppen ignorieren den Fall. Und die polnischen Filialen der Helsinki Foundation for Human Rights und von Amnesty International erklären, sich mit dem Thema nie beschäftigt zu haben. Nur eine kleine polnische Stiftung für Bauarbeiterrechte versuchte im Jahr 2014, die Aufmerksamkeit auf eine Baustelle in Breslau zu lenken, auf der Nordkoreaner tätig waren. Die aber waren über so viele verschiedene Subunternehmer beschäftigt worden, dass sich nicht zweifelsfrei sagen ließ, wer am Ende verantwortlich war. Die Stiftung konnte nicht viel ausrichten und gab auf.

Immerhin gibt es noch die EU, könnte man meinen. Im Januar 2015 stellt eine spanische sozialdemokratische Abgeordnete des europäischen Parlaments eine Anfrage an die Kommission: Ob die Kommission von Vereinbarungen zwischen einem EU-Staat und Nordkorea wisse, die die Entsendung von Arbeitskräften beträfen? Ob sie etwas unternehme, um die Situation nordkoreanischer Zwangsarbeiter zu verbessern?

Die Antwort der Kommission: Nordkoreanische Arbeiter seien in der EU tätig, nach den Gesetzen des jeweiligen Gastlandes. Zwangsarbeit sei in allen EU-Mitgliedsstaaten verboten.

Im September 2015 setzen sozialdemokratische Abgeordnete mit einer Anfrage nach: Ihren Informationen nach seien 800 Nordkoreaner in Polen tätig. Die Abgeordneten wollen wissen: Hat die Kommission irgendwelche Daten über Firmen, die diese Menschen beschäftigen?

Im Januar 2016 kommt die Antwort: Die Kommission habe keine solche Daten. Fertig, erledigt, ein weiteres Dokument, ein weiterer Vorgang in einer gewaltigen Bürokratie, abgeschlossen.

Und so kommt es, dass in Polen, mitten in Europa, bürokratisch korrekt, nordkoreanische Zwangsarbeiter schuften müssen. Wohl auch in der Tomatenfabrik von Piotrowice.

Mitarbeit: Frédéric Krumbein 

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