Es ist der verordnete GAU für jedes Genussmittel. Künftig müssen Tabakhersteller auf die Packungen drucken, was ihre Produkte anrichten können: Mal hustet auf den Fotos eine Frau Blut ins Taschentuch, mal steht ein Paar vor einem Babysarg, darunter die Unterzeile: "Rauchen kann Ihr ungeborenes Kind töten."

Vom 20. Mai an dürfen Zigarettenhersteller nur noch Schachteln produzieren, die zu mindestens 65 Prozent mit solchen Schockfotos und Warnhinweisen bedeckt sind. So verlangt es Brüssel. Doch es ist offen, ob die Gesetze, welche die Bundesregierung mitbeschlossen hat, auch tatsächlich umgehend in Kraft treten. Denn die Lobby wehrt sich. Und auf Berlin konnte sie sich fast immer verlassen.

Bis 2014 zumindest. Da vereinbarten alle EU-Mitgliedstaaten einhellig neue, europaweite Mindeststandards zur Regulierung der tödlichen Tabakwaren: mit Spielräumen für die nationale Gesetzgebung. Der Deutsche Zigarettenverband (DZV) kämpft seitdem erbittert darum, dass die Gesetze in Deutschland möglichst lasch werden – und natürlich möglichst spät in Kraft treten. Monatelang haben DZV-Geschäftsführer Jan Mücke und die Einflüsterer einiger Konzerne die Bundesregierung bearbeitet, den Schachtelfoto-Zwang aufzuschieben. Obwohl das Datum seit Jahren feststeht, behaupten sie allen Ernstes, es sei technisch unmöglich, die Produktion bis zum 20. Mai umzustellen. Laut einem von ihnen beauftragten Gutachten benötigt dieser Prozess angeblich mindestens 15 Monate. Ohne Fristverlängerung drohten Produktionsstopps und Arbeitsplatzverluste, warnen die Nikotinversorger. Einige Betriebe könnten gar in Existenznot geraten.

Dumm nur, dass ausgerechnet Marktführer Philip Morris International den Lobbyisten diese Argumentation kaputt macht. Der Marlboro-Hersteller, der dem DZV nicht angehört, hat erklärt, pünktlich zum 20. Mai auf die neuen Schachteln umzustellen. Seither herrscht Zoff in der Zigarettenbranche. Die Abweichler führten einen "brutalen Verdrängungswettbewerb", behauptet DZV-Chef Jan Mücke gegenüber der ZEIT. "Philip Morris verhält sich wie ein Wirtschaftsteilnehmer, der seine Marktanteile erhöhen will." Will der weltgrößte private Tabakkonzern etwa mithilfe der neuen Gesetze einige Konkurrenten in den Ruin treiben, um deren Kunden zu übernehmen? In Mückes Duktus klingt das so.

Philip Morris weist den Verdacht entschieden zurück. "Die neuen Regelungen sehen Bild-Warnhinweise vor, die zur Abschreckung dienen sollen. Es ist nicht nachvollziehbar, inwiefern es ein Vorteil sein soll, damit als Erster im Markt zu sein", sagt die für Regulierungsfragen zuständige Managerin Claudia Oeking. "Hier geht es um für ganz Europa gleichermaßen geltende Regelungen, die ein einheitliches Schutzniveau in den Mitgliedstaaten schaffen sollen und die es schlichtweg einzuhalten gilt."

Mücke behauptet, Brüssel und Berlin hätten die Druckvorlagen für die neuen Schachteln zu spät bereitgestellt. Allerdings hätte sich die Branche längst auf die neue Gesetzeslage vorbereiten können, ja müssen. Schon vor mehr als zwei Jahren segnete das Europaparlament die Tabakproduktrichtlinie ab. Im April 2014 veröffentlichte sie die EU in ihrem Amtsblatt – und setzte den 20. Mai 2016 als letztmöglichen Umsetzungstermin fest. Im Oktober 2014 präsentierte die Brüsseler Kommission die sogenannte Bilderbibliothek mit den Schockfotos.

Die deutschen Hersteller erwarteten trotzdem eine Sonderregelung. Wie üblich. Denn obwohl das Rauchen hierzulande jährlich 120.000 Menschenleben fordert – gut dreißigmal so viele, wie im Straßenverkehr sterben – ist Deutschland für die Tabakindustrie ein Lobbyparadies. Seit Jahrzehnten sponsern Zigarettenmultis Parteitage und Feste der früheren Bonner und heutigen Berliner Politszene. Viele mittelständische Hersteller beackern die Bundestagsabgeordneten ihrer Wahlkreise. Und Oberlobbyist Jan Mücke war zuvor FDP-Staatssekretär in der schwarz-gelben Bundesregierung.