Es gibt ja seit ein paar Tausend Jahren die allergrößten Erwartungen, mit denen sich Philosophen konfrontiert sehen. Weltgeschichte und Heilsgeschehen sollen von ihnen erklärt werden, ebenso wie Vernunft, Gefühle, Gerechtigkeit, Fortschritt, Gott, Geist und die Gesetze, die Natur und die Kultur des Menschen. Sie sollen erklären, schließlich werden sie dafür vom Steuerzahler finanziert, was alles der Fall ist und wo die letzten Gründe zu suchen wären – und worin diese dann wohl bestünden.

Auf die Fülle der Erwartungen reagierten die Philosophen, indem sie sich in zwei Mannschaften teilten: Da wäre einmal das Team der Systemarchitekten und Großdenker, die heroisch stets das Ganze ins Visier nehmen, mit eher wenig Rücksicht auf intellektuelle Verluste. Zum anderen gibt es die Truppe der Feinmechaniker und Kunsthandwerker, die nie vergessen, dass auch der philosophische Teufel im Detail steckt. Ein Problem etwas genauer und klarer zu sehen als bislang der Rest der Welt: Das ist für sie das Glanzstück erfolgreicher Denkarbeit.

Zu dieser Truppe gehört zweifellos der 1929 geborene Harry G. Frankfurt, emeritierter Professor an der Princeton University. Er hat in den siebziger Jahren maßgebliche Studien zur Willensfreiheit und zur Person vorgelegt. In seinem Essayband Gründe der Liebe erklärte er 2004, dass wir nur lieben, weil wir ansonsten von existenziell bedrohlicher Langeweile befallen würden; überhaupt sei Liebe letztlich eine Konfiguration des Willens. Solch genaues Hinschauen mochte Romantiker irritieren, allerdings hat Frankfurt just an solcher Irritation seinen Spaß. Sein Büchlein Bullshit über das Grassieren schwachsinnigen Geredes in der westlichen Öffentlichkeit wurde 2005 ein internationaler Bestseller; es beruhte auf einem Text aus den achtziger Jahren.

Jetzt hat Frankfurt sich wieder erinnert, dass er vor längerer Zeit über etwas anderes gründlich nachgedacht hatte. Anlass war der Erfolg, den der französische Ökonom Thomas Piketty 2014 mit seinem Weltbestseller Das Kapital im 21. Jahrhundert auch in Amerika hatte. Darin warnte er vor den Gefahren wachsender Ungleichheit für das kapitalistische Wirtschaftsmodell. Ungleichheit? Moment! Da gab es doch die beiden Aufsätze von 1987 und 1997 ... So könnte es Frankfurt oder seinem Lektor eingefallen sein. Prompt können wir die Texte in leicht überarbeiteter Form jetzt in einem kleinen 100-Seiten-Bändchen nachlesen.

Frankfurt macht hier das, was er am besten kann: einfach mal genauer nachdenken. Und wieder dürfte er mit seinen Überlegungen für Irritationen sorgen und lieb gewonnene Denkgewohnheiten erschüttern. "Ökonomische Ungleichheit als solche ist moralisch nicht verwerflich", befindet der Philosoph und skizziert seinen Gedankengang: "Aus moralischer Perspektive ist es nicht wichtig, dass jeder dasselbe hat. Was moralisch zählt, ist, dass jeder genug hat." Er nennt sein Prinzip "Suffizienz" im Gegensatz zur Idee des Egalitarismus. Armutsbekämpfung ist Frankfurt zufolge viel wichtiger als der Kampf gegen Ungleichheit und zudem moralisch geboten.

Die zugrunde liegende Denkfigur, die er gegen die Egalitaristen wendet, ist simpel und nicht neu: Prinzipiell könne man sich nämlich eine Gleichheit für alle vorstellen, in der alle verhungern; ebenso eine krasse Ungleichheit, in der auch die "Ärmsten" genug hätten – was moralisch natürlich weitaus besser wäre. Frankfurt plädiert dabei vor allem für die Genauigkeit der Argumentation, das macht sein Vorgehen so anregend. Damit wendet er sich scharf gegen bedeutende Kollegen wie Thomas Nagel ("Gleichheit an sich", so meint dieser, sei "ein selbständiges moralisches Ideal von größter Wichtigkeit") und Ronald Dworkin, dem er die Verwechslung von Gleichheit und Suffizienz vorhält. Gekonnt wirft er Isaiah Berlin mit einem philosophischen Judogriff auf die Matte, indem er dessen Gleichheitspostulat dekonstruiert, wonach es selbstverständlich sei, einen Kuchen unter zehn Leuten gleich aufzuteilen, anderenfalls müsse man es begründen: Genau diese gleiche Aufteilung könne moralisch höchst fragwürdig sein, weil die zehn Personen völlig unterschiedlich seien.

Und Frankfurt hat nicht nur etwas gegen Ungenauigkeiten, sondern auch etwas gegen Denkfaulheit, da wird er gerne polemisch. Der Gleichheitsdiskurs bringe Menschen dazu, sich mit der für ihr gutes Leben eher unwichtigen Frage zu beschäftigen, wie ihr ökonomischer Status im Vergleich zu anderen aussieht: "Auf diese Weise trägt das Prinzip der Gleichheit zur moralischen Orientierungslosigkeit und Seichtigkeit unserer Zeit bei." Außerdem lenke die Fixierung auf die Gleichheit die Intellektuellen ab, die sich sinnvoller mit existenzielleren Fragen beschäftigen sollten. Stattdessen würden sie bequem an der Gleichheit herumtüfteln, denn: "Schon das Konzept, einen gleichen Anteil zu haben, ist an sich viel transparenter und verständlicher als das Konzept, genug zu haben."

Natürlich steckt durchaus Hybris in Frankfurts Versuch, mal eben die Luft aus vielen Tausend Seiten Ungleichheits- und Gerechtigkeitstheorien zu lassen. Jedoch wehrt er sich völlig zu Recht gegen den Vorwurf, soziale Kälte zu predigen oder ein Verteidiger des ungerechten Status quo zu sein. Seine konkreten Gedanken zu einer Theorie der Zufriedenheit kreisen vielmehr um jenes notwendige "Genughaben", durch das Menschen auch materiell dazu befähigt sein sollten, eben nicht mehr ständig daran denken zu müssen, mehr zu wollen – was mit einem Ende der Ungleichheit nichts zu tun hat. Harry G. Frankfurts präzise Beobachtungen lehren dabei, dass man es sich nicht zu einfach machen sollte mit den großen, sattsam bekannten Fragen – und er philosophiert so klar und elegant, dass es ein Vergnügen ist.

Harry G. Frankfurt: Ungleichheit. Warum wir nicht alle gleich viel haben müssen; aus dem Englischen von Michael Adrian; Suhrkamp Verlag, Berlin 2016; 107 S., 10,– €, als E-Book 9,99 €