Die Jugend verliert rapide an Jugendlichkeit. Neulich erschien im Hamburger Abendblatt das Porträt einer jungen Gastwirtin, die mit dem ganzen Bildungsstolz, den man sonst eher bei älteren Mitbürgern vermutet, ihre Erfahrungen in ein klassisches Zitat kleidete. "Bei mir geht es gerade zu wie in dem Lied von Fettes Brot, in dem es heißt: Das Leben ist Improvisation."

Plattitüden dieser Art hat man früher von Goethe oder Schiller bezogen, aber augenscheinlich können Popbands heute das Gleiche genauso zuverlässig liefern. Fettes Brot – ohne Frage eine sehr passende Zitatenquelle für Gastronomen, insbesondere für die Anbieter von belegten Schnittchen – ist wahrscheinlich längst (und nur von den älteren Mitbürgern unbemerkt) in den Kanon der heiligen Autoritäten aufgerückt, die für jede Lebenslage Trost parat haben. Man müsste mal eine Liste anlegen, in der man eintragen könnte, welche Popgruppe welche Funktion der ehemals einschlägigen Dichter übernommen hat. Die Abgeklärtheit von Fettes Brot scheint mir sehr auf Goethe zu deuten.

Aber wer ist der Schiller ("hinaus ins feindliche Leben"), der Grillparzer ("fallen seh’ ich Zweig auf Zweige") oder gar der Mozart-Texter ("reich mir die Hand, mein Leben / komm auf ein Schloss mit mir") unserer Tage? Dass sich das alles, vergleichbar oder schlimmer noch, finden lässt, ist keine Frage. Die Frage ist vielmehr, was junge, unverbildete Menschen dazu bringt, auf die gleiche verschimmelte und verschnarchte Weise mit dem Kulturgut ihrer Generation umzugehen wie ihre Großeltern mit dem abendländischen Erbe. Die Antwort lautet natürlich: Unverbildet ist die Jugend nicht. Verbildung lässt sich mit Pop genauso schnell erreichen wie mit den antiken Klassikern, vorausgesetzt, man übt den gleichen spießig-zutraulichen Umgang damit.

Und apropos verschimmelt: Schon Max Goldt dichtete für die Gruppe Foyer des Arts die unsterbliche Zeile "Verschimmeltes Brot schmälert das Vergnügen". Er wusste damals, in den achtziger Jahren, noch nicht – ahnte es höchstens –, dass fettes Brot besonders leicht schimmelt. Jetzt sind wir weiter.

Ausgebildete Gastronomen wissen sogar noch mehr: Junger Käse schimmelt am schnellsten, ebenso wie frisches Brot. Haltbarkeit ist keine Altersfrage. Unser sehnlichster Wunsch für die Zukunft wäre daher: dass endlich eine Band namens Vertrocknetes Brot auftreten möge mit dem gewiss bald die Charts stürmenden Song Aller Zwieback will Ewigkeit.