1000 PS

Im Winter sind Motorradfahrer innerlich wie Freibäder, trist und leer. Während die eingemottete Maschine auf die Saison wartet, vertreibe ich mir die kalte Zeit auf YouTube. Am liebsten mit den Videos von 1000PS.de, wo Österreicher reihenweise Motorräder "testen". Ganze Kerle erzählen mir, lässig an eine Guzzi oder KTM gelehnt, wie "leiwand" es doch ist, damit durch Kroatien oder Südspanien zu bolzen. Und dann bolzen sie los. Aufnahmen mit der Bordkamera erinnern mich daran, wie "leiwand" das Motorradfahren in den sommerlichen Alpen oder Pyrenäen tatsächlich ist. Fehlt eigentlich nur ein Ventilator neben dem Rechner – für den Fahrtwind. Bisweilen gesellt sich zum sinnlichen Genuss auch die Freude am Blödsinn. Denn manchmal, hihi, fahren die Hallodris aus Jux ihre Harleys auch splitternackt und lassen sich dabei filmen. Oh, süße Unvernunft! Mir käme solch grober Unfug natürlich nie in den Sinn ... also, Harley zu fahren.

Marillion

Wenn mich etwas irrsinnig freut, habe ich seit 30 Jahren ein bestimmtes E-Gitarren-Solo von Marillion im Ohr. Es stammt aus dem Lied Hotel Hobbies und ist mein Jingle für "Glück!". Marillion gibt es noch immer, sie haben seit Ewigkeiten einen "neuen" Frontmann und backen winzige Brötchen. Ihr ehemaliger Sänger nannte sich Fish, trug Federohrringe und Schminke im Gesicht, war uncool und fett ... genau wie ich damals mit 16! Schon dafür liebte ich Marillion heiß und innig. Und irgendwie schätze ich die alten Sachen noch heute. Barocke Arrangements? Klebrige Keyboards? Pathos pur? Mag sein, mag sein. Immer her mit den Geschmacksverstärkern! Die Welt ist schon lakonisch, kühl und trocken genug. Da ich allerdings weiß, dass die Band als "so schlecht" gilt, dass sie selbst am Tag des Jüngsten Gerichts nicht "schon wieder gut" sein wird, stehen die Platten im Regal in der zweiten Reihe. Für den Fall, dass mal cooler Besuch kommt. Dabei halte ich sie jederzeit griffbereit, und hin und wieder flüstern sie mir zu: "Bedenke, dass du uncool bist."

Gottesdienst

Auch Agnostiker mit Neigung zum Atheismus begehen gerne kleine Sünden. Deshalb stehe ich sonntags pünktlich um 10.06 Uhr in der Küche, um "Kaffee zu machen". Tatsächlich höre ich auf Deutschlandfunk den Gottesdienst. Leise, damit meine Frau im Schlafzimmer kein Glockengebimmel vernimmt. Übertragen wird aus Städten wie Emmendingen oder Solingen. Ich stehe vor dem Radio wie hinter einem Pfeiler, abseits der Gemeinde, und lasse mich von Orgeln und Chorälen überfahren. Genieße den sakralen Hall auf der Stimme des Priesters, seinen salbadernden Ton, die schläfrige Weihe des Gebets. Für 15 schwache Minuten stehen meine spirituellen Antennen auf Empfang. Da fühle ich mich gläubig, ganz ohne Rechenschaft. Und wenn die Predigt mithilfe rhetorischer Taschenspielertricks mal wieder flotter vom barmherzigen Samariter auf fliehende Syrer kommt als vom Hölzchen aufs Stöckchen, brauche ich mich nicht leise aus der Kirche zu stehlen, sondern schalte einfach ab. Und habe genug Kraft getankt für eine weitere anstrengende Woche als Apostat.

Arno Frank mag auch Sibelius, Wirbelsäulenprotektoren und den Götterhimmel des Hinduismus