Für gewöhnlich wird das Atelier eines Designers eifersüchtiger bewacht als ein militärischer Sperrbezirk; besonders, wenn es um Mode geht und das Defilee nur zwei Wochen entfernt ist. Doch was Wolfgang Joop für die Marke Wunderkind entwirft, ist so eigenwillig, dass Trendscouts kaum zu fürchten sind. Als er das Unternehmen vor dreizehn Jahren gründete, ließ schon der poetische Name wissen, dass es ihm nicht um funktionale Kleidung ging. "Es hat zehn Jahre gedauert, bis dieses sprachlose Esperanto Form anzunehmen beginnt", seufzt Joop und lässt von seinen Mitarbeitern eine Marlene-Dietrich-Hose abstecken. Darin steckt Sara, Pressedame, Muse und Hausmodel in einem. Geradezu ehrfurchtsvoll lobt der Designer ihr Talent, "sich ganz leer zu machen, damit man neue Visionen auf sie projizieren kann".

Diese Visionen waren anfangs höchst seltsam, die Kleider wirkten wie verschnitten und schief zusammengenäht. Und als wollte Wolfgang Joop es seinen Bewunderern besonders schwer machen, ließ er die Models auf dem Laufsteg im wilden Durcheinander seiner selbst entworfenen Seidendrucke fast ertrinken. Inzwischen zähmt er den Überfluss mit Elementen aus der Herrenschneiderei, mit Militärmänteln in preußischem Graugrün, kleinen Jacken und maskulinen Hosen, wobei er von letzteren sagt, dass sie kratzig wirken sollen wie die Unterwäsche seiner Kindheit. Dabei genügt der Stoff höchsten Ansprüchen, und genau das ist die Pointe: "Arme-Leute-Deluxe" tauft er seinen Stil. Die Außenseite eines Mantels ist mit "Mottenlöchern" durchsiebt, das Innenleben feinste Couture.

Als begnadeter Entertainer und hyperventilierender Denker liefert Joop die Theorie zu seinen Entwürfen gleich selbst, und der politische Zeitgeist kommt ihm entgegen: "Die Flüchtlingsströme sind mir, so schrecklich es klingt, auch vertraut. Ich kam mit acht nach Braunschweig in einen Neubau, den ich nie gesehen hatte, und Gisela mit der Brille sagte: 'Du Flüchtling.' Darauf knallte ich ihr eine, weil es ein Schimpfwort war." Solche markigen Sätze werden im müden Ton eines von Geistern Gejagten vorgebracht. Die Attitüde hat Methode, denn mit Wunderkind beschwört der Designer eine autobiografische Periode herauf: jene Zeit, in der zur Autonomie erwachte Mütter und in preußischen Paraphernalien kramende Opas die Regie im zerbombten Berlin übernahmen, in der Flickwerk ein Segen war und solide Uniformen sich auf der Nähmaschine sang- und klanglos in kesse Kostüme verwandelten. "Geniale Resteverwertung" nennt es Joop. Und weil seine Nostalgie sich diesmal den Keulenärmeln und Maxilängen des Biedermeier und Viktorianismus widmet, ist sie den Pariser Laufstegen überraschend affin. Auch dort ist auf dem Zenit medialer Transparenz das Bedürfnis nach Formalität und Bedecktheit groß.

Aber so bewundernswert seine modische Hellsicht auch ist, am meisten fasziniert Wolfgang Joop selbst. Er wechselt dreimal die Kleider, der Norwegerpullover weicht einem Holzfällerhemd, dem folgt ein Muscle-Shirt. Er setzt die Sonnenbrille auf und wieder ab. Während ihn seine hilfreichen Trabanten umkreisen, probiert er Atmosphären aus, bespielt sie instinktiv, sucht das Rampenlicht und hält zugleich nach Schutzzonen Ausschau. Sein Körper adjustiert sich laufend neu, wechselt Rüstungen, probiert Rollen aus, delektiert mit Stories von Pornokanälen im Hotel-Pay-TV und einsamen Nächten nach Germany’s Next Topmodel-Show. Joop ist ein heiliger Clown, friedfertiger Anarchist, ein Geschenk für die deutsche Popkultur. "Splendid Isolation" nennt er sein Berliner Feuerwerk.

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