Der Marktplatz ist so hübsch und bunt, wie alle Marktplätze im Osten Deutschlands hübsch und bunt aussehen: das neogotische Rathaus (Backstein), die Stadtapotheke (Fachwerk), Sparkasse, Fielmann, Mäc Geiz, die schöne Metzgerei Ernst Witte, das Plattenbaucafé am Markt. Fast nur alte Menschen: Der Reporter sieht die höchste Dichte an Rollatoren, die er je auf einem Marktplatz gesehen hat. Am Stand mit der Harzer Blasenwurst, der leckeren Wurst nach Harzer Art, bildet sich eine Schlange. Die Jungs aus Pakistan verkaufen billige Gürtel und Uhren. Am Stand mit der Billigunterwäsche (drei Frotteeunterhosen für zehn Euro) fällt das lustige sächsische Wort "wo?", mit einem kurzen o ausgesprochen, was so viel wie "nicht wahr?" bedeutet.

Und da betritt schon, wie jeden Freitagmorgen seit einem Jahr, der Bitterfelder AfD-Direktkandidat Volker Olenicak den Markt, 49 Jahre alt, Besitzer von zwei Handyläden in der Innenstadt, er hat das Traumergebnis von 33,4 Prozent geholt. Der Kandidat sieht, ja, wie ein Handyverkäufer aus, Jeans, Turnschuhe, hellblaue AfD-Jacke, auf den orangefarbenen Bügeln seiner Brille steht "German Fashion". Sofort sind zwei alte Frauen mit Rollatoren bei ihm, Glückwünsche, Händeschütteln, ein Obsthändler drückt ihm zwei Mandarinen in die Hand, ein alter Mann mit Prinz-Heinrich-Kappe spricht: "Hast du gut gemacht, Volker. Den Volksverrätern von der SPD hast du es richtig gegeben." Und Volker Olenicak beugt sich vor, man kennt sich aus dem Schützenverein, und erklärt: "Jetzt, wo wir so schön gewonnen haben, Klaus, müssen wir als Erstes mal darauf achten, wie wir uns ausdrücken. Die Presse ist da." Dem Reporter erklärt der AfD-Mann: "Die Leute haben uns nicht gewählt, weil wir rechte Standpunkte vertreten. Die Leute haben uns gewählt, weil wir die Missstände benennen. Wir sind nicht umsonst eine Volkspartei geworden."

Bitterfeld knapp zwei Wochen nach den Landtagswahlen vom 13. März: Die AfD hat hier das Rekordergebnis von 31,9 Prozent erzielt, seither gilt die Stadt im Südosten Sachsen-Anhalts, eine ICE-Stunde von Berlin entfernt, als neue Hauptstadt von Dunkeldeutschland oder einfach als "schmutzige Stadt" (Spiegel Online).

Tatsächlich ist das Image, das jetzt wieder bedient wird, gut 25 Jahre alt: Bitterfeld, Stadt von Braunkohle und Chemie, das Ruhrgebiet der DDR, ein 120 Jahre alter Industriestandort. Damals, nach der Wende, wurden die beiden volkseigenen Betriebe, das Chemiekombinat und die Filmwerke Orwo, abgewickelt, Zehntausende verloren ihre Arbeitsplätze, Bitterfeld galt als die schmutzigste Stadt Europas (Volksmund: "Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt"), wer tagsüber durch Bitterfeld fuhr, musste die Scheinwerfer einschalten.

Die Umwelt gilt heute als saniert. Den Braunkohletagebau hat die Flut von 2002 mit Wasser gefüllt, am Großen Goitzschesee ist ein Landschaftspark mit Promenade, Sandstrand, Aussichtstürmen und schönen Restaurants entstanden. Das große Projekt der neunziger Jahre, die Errichtung eines Solar Valley bei Bitterfeld, mit gigantischen Steuergeldern gefördert, hat sich als Flop erwiesen, von einst 7.000 Arbeitsplätzen sind nur 1.000 geblieben. Im Chemiepark Bitterfeld aber, mit 1.200 Hektar einer der größten Industrieparks Europas, sind in den letzten Jahren 11.000 neue Jobs geschaffen worden, gut 300 Firmen haben sich angesiedelt, die größte ist Bayer, praktisch jede Aspirin-Tablette wird in Bitterfeld produziert. Die Arbeitslosigkeit liegt bei moderaten 10,1 Prozent. Ausländer gibt es so gut wie keine in Bitterfeld, man liegt noch unter dem Durchschnitt Sachsen-Anhalts von nicht einmal zwei Prozent. Die Aufnahme von derzeit gut 600 Flüchtlingen ist vorbildlich gelungen, sie wurden dezentral in Wohnungen untergebracht, es gibt in Bitterfeld keine überfüllte Turnhalle. Bitterfeld: dieser ganz und gar unkatastrophale Ort. Wer in dieser Stadt die Missstände beseitigen möchte, muss sich fragen lassen: Welche Missstände sind gemeint?

Und jetzt stockt schon das Gespräch mit dem AfD-Politiker: Herr Olenicak, welches Problem drückt Bitterfeld? Natürlich, wie in vielen ostdeutschen Städten sei der demografische Wandel ein Problem, die jungen Leute verließen die Stadt, die alten blieben. Und nun nennt der Mann am Marktplatz einige objektiv schwer fassbare, die gefühlten Probleme: Die Gebietsreform von 2007, bei der Bitterfeld mit Wolfen zusammengelegt wurde und seinen Status als Kreisstadt verlor, habe schwer auf das kollektive Selbstbewusstsein gedrückt. Die Bürger seien nicht gefragt worden. Ein großer Aufreger in der Bevölkerung sei der Verkauf der Goitzsche, des neu entstandenen Sees im Braunkohletagebau, an einen Privatinvestor, das Herz der Stadt sei damals für den Spottpreis von 2,9 Millionen Euro verscherbelt worden. Und nun wird es noch gefühliger: Die Kita-Gebühren stiegen, die Hundesteuer sei um 43 Prozent angehoben worden. "Das drückt den Bitterfelder Bürger", erklärt der AfD-Mann. Noch ein nicht zu unterschätzendes Thema: Große Traurigkeit herrsche unter den alten Menschen darüber, dass im Stadtpark, der grünen Lunge von Bitterfeld, nach der Wende die Springbrunnen demontiert wurden.