Kürzlich in der CSU-Landesgruppe: Die Vorsitzende Gerda Hasselfeldt übt scharfe Kritik an der Bundesregierung. Daraufhin meldet sich der frühere Verkehrsminister Peter Ramsauer: "Hier sitzen doch drei von der Bundesregierung!" Was denn die Minister zu der Kritik sagten? Die Herren Schmidt (Landwirtschaft), Müller (Entwicklungshilfe) und Dobrindt (Verkehr) sollen schweigend auf ihre Füße geschaut haben.

"So schlimm war die Stimmung noch nie", berichtet eine Abgeordnete aus den Sitzungen der Bundestagsfraktion von CDU und CSU, "richtig unangenehm."

Ein anderer Abgeordneter erzählt, 60 Prozent der Zuschriften, die ihn derzeit erreichten, hätten eine Botschaft: Ihr müsst’s euch ausbreiten. Nur so könne man der AfD das Wasser abgraben. Der Abgeordnete schreibt dann zurück, warum das keine gute Idee wäre: Würde die CSU nicht nur in Bayern, sondern in allen Wahlkreisen der Republik antreten, hätte der jeweilige Kandidat es ja nicht nur mit einem Gegner von der AfD zu tun, sondern stünde auch gegen seinen CDU-Kollegen. Zugleich würde die CDU ihrerseits in Bayern antreten. Die "Bavarität", Alleinstellungsmerkmal der CSU, wäre dahin, stattdessen würde man sich gegenseitig kannibalisieren.

Sie können nicht alleine. Aber zusammen können sie auch nicht mehr.

Zwar klingt der Europaabgeordnete und CSU-Parteivize Manfred Weber in seinen Reden meist wie die Kanzlerin selbst. Und auch Gerda Hasselfeldt kaschiert mit ihrer Kritik an der Regierung eher, dass sie Merkel eigentlich unterstützt. Doch die überwiegende Mehrheit der CSU ist so weit weg von der Kanzlerin, dass man sich kaum vorstellen kann, wie die Partei in anderthalb Jahren Wahlkampf für Angela Merkel machen will.

Auch die Einigung mit der Türkei hat daran nichts geändert. Seehofer hat seiner Drohung, vor dem Verfassungsgericht zu klagen, die Forderung nach einer Abstimmung im Bundestag über die Flüchtlingspolitik hinzugefügt.

Jahre-, jahrzehntelang lebte die Union von der produktiven Spannung zwischen den eigensinnigen Bayern und der CDU. Merkel modernisierte die CDU und gewann Wähler in der Mitte hinzu, sie verbreiterte die politische Bemessungsgrundlage. Die CSU gab sich konservativ und traditionstreu und machte zugleich eine pragmatische und auch integrationsfreundliche Politik.

Mit dem Beginn der Flüchtlingskrise scheint dieses Modell an sein Ende gekommen zu sein. Sie ist zum Anlass geworden, all das aufzurufen, was den Konservativen beider Parteien schon seit Jahren stinkt. Horst Seehofer wollte in der Flüchtlingspolitik der Vertreter der Basis beider Parteien sein, tatsächlich ist er zum ständigen Kronzeugen gegen Angela Merkel geworden. Zwar kommen an manchen Tagen inzwischen an vielen Grenzen null Flüchtlinge an, trotzdem soll die Bundeskanzlerin ein Signal geben: Ich habe verstanden. So heißt es in der CSU. Gemeint ist aber eher: Ich habe mich geirrt.

Wenn Seehofers ständige Attacken auf Merkel ein strategisches Kalkül hatten, dann kann man sagen: So richtig gut funktioniert hat es nicht. Die AfD liegt auch in Bayern inzwischen bei rund neun Prozent. Wohin also führt das alles? Niemand in der CSU weiß, wie man aus "der G’schichtn" wieder herauskommt.

Um zu verhindern, dass die CSU-Wähler bei der Bundestagswahl zu Hause bleiben, weil sie Angela Merkel nicht mehr wählen wollen, wird nun über Alternativen zur bundesweiten Ausdehnung nachgedacht. "Es wäre denkbar, dass wir einen eigenen Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl aufstellen", sagt ein Mitglied des CSU-Präsidiums. So ließe sich Eigenständigkeit demonstrieren, und man müsste den eigenen Mitgliedern nicht zumuten, Merkel zu wählen.

Erwogen wird zudem, anders als sonst, auf ein gemeinsames Wahlprogramm mit der CDU zu verzichten. Möglich, sogar wahrscheinlich, dass die CSU am Ende alle ihre Pläne wieder kassiert und sich darauf beschränkt, Merkel nicht zu plakatieren.

Kaum vorstellbar aber, dass der Graben zwischen CDU und CSU, zwischen Horst Seehofer und Angela Merkel sich wieder zuschütten lässt. Es gilt Merkels auf die Flüchtlingskrise gemünzte Prognose: So wie früher wird’s nie wieder.