Uns fragt ja keiner! Wir werden in einen Staat hineingeboren und sind dessen Bürger, ohne dass wir entscheiden können, ob wir die damit verbundenen Rechte und Pflichten überhaupt haben wollen. An der unfreiwilligen Tatsache der Staatsbürgerschaft arbeitet sich die politische Philosophie seit Langem ab.

Der Sprachphilosoph Jacques Derrida hat das Problem einmal an der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung untersucht. Deren Autoren erklären "in the Name, and by Authority of the good People" die Kolonien zum unabhängigen Staat. Der rhetorische Trick, sagt Derrida, bestehe darin, so zu tun, als habe es schon immer ein "Volk" gegeben, das sich jetzt erst eine Verfassung gibt. Dabei waren die "guten Leute" der Kolonien womöglich Glückssucher mit ganz unterschiedlichen Zielen. Die Unabhängigkeitserklärung sei ein "Rechtsstreich" (so Derridas Abwandlung des Wortes Gewaltstreich), durch den aus verstreuten Leutchen ein Volkssouverän geworden sei. Dessen Willen, der mit dem Willen des Einzelnen nichts zu tun haben muss, legitimierte die Gründung des neuen Staates. Im Falle der USA war damit 1776 auch entschieden, wer nicht zum souveränen Volk zählte, die schwarzen Sklaven zum Beispiel.

Diese politische Merkwürdigkeit spüren wir Deutschen heute an der wechselhaften Geschichte der Parole "Wir sind das Volk". Bei den Montagsdemonstrationen, die zur Vereinigung von DDR und BRD führten, erklärten sich die Menschen im Osten damit souverän gegenüber ihrer Regierung. Heute wird der Spruch Flüchtlingen entgegengeschleudert, und da ist er nur als Ausgrenzung zu verstehen. Jetzt hört man das "Wir" mit Schaudern. Denn das deutsche Grundgesetz schweißt auch den harmlosen Bürger mit dem Mob zum "Volk" zusammen.

In Frankreich macht ein 1981 geborener Theoretiker von sich reden, der behauptet, neue Lösungen für dieses demokratische Grundproblem gefunden zu haben: Geoffroy de Lagasnerie. Gerade ist sein Essay Die Kunst der Revolte. Snowden, Assange, Manning auf Deutsch erschienen. Lagasnerie versteht ihn als "Würdigung" der drei Aktivisten, die völlig neue Ideen vom Verhältnis des Einzelnen zum Staat ermöglicht hätten. Er wolle, so Lagasnerie, "auf der theoretischen Ebene ebenso radikal sein, wie sie es auf der politischen sind".

Er will die Revolte der Whistleblower ganz anders verstehen als allen demokratischen Widerstand bisher. Von dem erwarte man, dass er von sichtbaren Personen geübt werde. Zivilen Ungehorsam zu leisten heiße, Staat und Gesetze an einem höheren Gerechtigkeitsideal zu messen – "gesetzestreuer als der Staat" selbst zu sein. Damit bleibe man aber im Grunde affirmativ. Schließlich lasse sich der Ungehorsame märtyrerhaft nach bestehendem Recht bestrafen, was voraussetze, sich selbst als potenziell straffälligen Bürger zu identifizieren.

Lagasnerie schreibt nun Edward Snowden, Julian Assange und Chelsea Manning sowie der Gruppe Anonymous zu, sie hätten sich dieser Identifikation radikal entschlagen. "Die 'Bewegung' lässt sich auf ein Nebeneinander individueller Handlungen zurückführen, die getrennt durchgeführt werden – und steht daher nicht im Zeichen der 'Verschmelzung': Sie entsteht im Kampf, im Augenblick des Kampfes, und verschwindet, sobald die Handlung beendet ist. Was hier entsteht, ist ein politisches Handeln, das sich ohne Bezug auf die Bildung eines 'Wir' entfaltet."

Lagasnerie deutet diese Aktivisten, als hätten sie durch ihr vereinzeltes Handeln jede Beziehung zu politischen Kollektiven aufgekündigt. So gesehen erscheint es ihm konsequent, dass Assange und Snowden sich der Bestrafung entzogen und außerhalb der USA Asyl suchten. Flucht sei eine fundamental politische Handlung, denn um Asyl zu bitten bedeute, etwas individuell zu wählen, was dem Menschen sonst aufgenötigt werde: seine Staatsangehörigkeit. Lagasnerie beendet das Paradox der modernen Demokratie mit einer rhetorischen Frage. Sie lautet: Warum sollte ich Verantwortung für Leute und Gesetze übernehmen, die ich mir nicht ausgesucht habe? Der Staatsgewalt stellt er die Gewalt eines libertären Individualismus gegenüber. Wobei sein Drang zum radikalen Bruch mit dem Bestehenden auf eine Art absolut verführerisch ist – wie vieles Unmoralische.

Es ist allerdings brandgefährlich, politische Grundsatzdebatten von ethischen Bedenken säubern zu wollen. Auch darin besteht eine Forderung Lagasneries. Rüde räumt er mit der Frage auf, wie man mit Menschen und Institutionen zusammenleben soll, wenn man sie nicht leiden kann. Seine Antwort: Man muss ja nicht! Man kann ja gehen. Im Zweifelsfall ins Internet, das er offenbar für ein Idealmedium des anonymen und zerstreuten Agierens hält.

Schwerer als sein moralisches Defizit wiegt, dass Lagasneries Beispiele seine Ideen nicht belegen. Nur spärlich setzt er sich mit den Biografien seiner Helden auseinander. Deren Schicksale lassen sich aber nicht mal im abstraktesten Sinne unter dem Schlagwort der total freien Wahl vereinigen: nicht die Umstände, unter denen der Verursacher des NSA-Skandals Edward Snowden den Schutz der russischen Regierung genießt. Nicht das Leben des WikiLeaks-Gründers Julian Assange, der sich in verschiedenen Botschaften der Auslieferung wegen Vergewaltigungsvorwürfen entzieht. Von der Haft der verurteilten Whistleblowerin Chelsea Manning ganz zu schweigen. Auch wer über diese Fälle nur theoretisiert, müsste über jene merkwürdige Ausnahmesphäre innerhalb der bürgerlichen Gesetze nachdenken, in der Geheimdienste, Verfassungsschützer und Militärgerichte operieren.

Das schenkt sich Lagasnerie. In seinem Wunsch nach dem total Neuen klammert er sich an die schwächsten Anhaltspunkte – und die heißesten Konflikte. Unter der Schlagzeile "Linke Intellektuelle, engagiert euch wieder!" hat er sie vergangenen Herbst zusammen mit dem Autor Édouard Louis (Jahrgang 1992) in Le Monde aufgezählt: Europas Zögern in der Flüchtlingsfrage, die Sparpolitik in der Griechenlandkrise, der Verrat der französischen Regierung an sozialistischen Werten, der Vormarsch rechter Ideologen. Aber Lagasnerie und Louis führen nur die Performance des Engagements auf, die große Geste als leere Hülle, indem sie ankündigen, nicht mehr mit dem Establishment reden zu wollen: "Dem Mythos des öffentlichen Raums als Ort der verbindenden Debatte muss man die Idee entgegensetzen, dass es miteinander inkompatible Problemstellungen gibt. Sie reden über die Nation, das Volk, die Souveränität oder die nationale Identität, den Zerfall. Wir wollen von Klassen sprechen, von Ausbeutung, Gewalt, Repression und Herrschaft. Das sind zwei mögliche Szenarios, die nicht miteinander vereinbar sind. Von diesem Standpunkt aus bedeutet das, zu bekämpfen, was sich heute den Anschein diskursiver Hegemonie gibt, manchmal lieber zu schweigen, als sich zum Komplizen zu machen."

Die Strategie besteht also darin, sich nicht mit falschem Bewusstsein zu stressen. Erst einmal arbeitet Lagasnerie daran, als Intellektueller in der Tradition von Jean-Paul Sartre oder Michel Foucault Geld zu verdienen. In Frankreich erschien gerade schon sein nächstes Buch Juger. L’État pénal face à la sociologie. Darin wertet er seine Beobachtungen von Gerichtsverhandlungen aus.

Die Justiz ist ein klassischer Gegenstand linker Kritik des Gewaltmonopols, weil man da leicht sehen kann, wie sich der Staat des Einzelnen bemächtigt. Gerichte übten aber nur rituelle Selbstbestätigung, meint Lagasnerie, solange Gesetze für gerecht gehalten würden, die für jeden gleich gelten. Erkenntnisse über soziale Benachteiligung und ökonomische Abhängigkeit würden gewaltsam aus der Urteilsfindung verdrängt. Üblicherweise mit dem Argument, es dürfe "keine Entschuldigung" für ein Verbrechen geben. Warum eigentlich nicht, fragt Lagasnerie, auch Straftaten müssten in einem größeren Zusammenhang beurteilt werden – auf die Gefahr hin, dass kein Einzelner zur Verantwortung gezogen werden könnte. Als Konsequenz eines Verbrechens müsste man dann für politische Veränderungen sorgen, anstatt nur Individuen durch Strafe zu disziplinieren.

Schade, dass Lagasnerie so viel schlampiger argumentiert als seine Vorbilder Pierre Bourdieu und Michel Foucault. Denn die Ahnung einer bemerkenswerten Intervention bekommt, wer seine Bücher über die Revolte und die Justiz zusammen liest: Der Staatsmacht stellt er ein souveränes Individuum gegenüber, das alle Verantwortung ablehnen kann. Die staatliche Praxis, Einzelne zur Verantwortung zu ziehen, formt er um zur Verantwortung des Rechtssystems für die soziale Lage der Delinquenten. Ein überindividuelles Bezugssystem gibt es nicht mehr. Die Konsequenz ist allerdings erschreckend: Eine Rechtsprechung, die jede Besonderheit einbezieht, gliche der von Frank Kafkas Parabel – der Einzelne stünde vor einem Gesetz, das "nur für ihn bestimmt" ist. Es wäre ganz und gar undurchschaubar.

Geoffroy de Lagasnerie: Die Kunst der Revolte. Snowden, Assange, Manning. A. d. Franz. v. Jürgen Schröder; Suhrkamp, Berlin 2016; 158 S., 19,95 €, als E-Book 16,99 €