Dass der Nobelpreisträger Orhan Pamuk nicht sonderlich gut schreibt, sieht man auch an seinem neuen Roman Diese Fremdheit in mir. Und doch ist es ein interessanter, ein guter Roman. Der Widerspruch löst sich auf, wenn man zu bestimmen versucht, was eigentlich "gut geschrieben" meint. Eleganz und Melodik der Sätze, Originalität und Subtilität des Ausdrucks gehören sicherlich dazu. All dies ist Pamuks Stärke nicht. Sein Interesse gilt der widersprüchlichen kulturellen und politischen Realität seiner Heimat, und dieses Buch (in der Tat ein Heimatroman) bietet das erhellende, das detailliert ausgemalte Panorama nicht allein seiner Vaterstadt Istanbul, sondern auch der türkischen Geschichte von den späten sechziger Jahren bis in die Gegenwart.

Was Pamuk in pointierten Dialogen und pittoresken Szenen zusammenträgt, verrät die Leidenschaft des Reporters ebenso wie die fabulatorische Lust des Schriftstellers. Dass seine Sprache nicht selten etwas Struppiges hat, zuweilen an Flachheiten, dann wieder an Verstiegenheiten leidet, nimmt man gerne in Kauf, denn die Geschichte, die er erzählt, ist in vieler Hinsicht bewegend. Es mag übrigens sein, dass die Übersetzung an manchen Unbeholfenheiten nicht schuldlos ist. Dass man immer wieder auf aparte Druckfehler stößt, ist Schuld des Verlags.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Mevlut, den der Vater schon als Zwölfjährigen aus seinem anatolischen Dorf herausreißt und mit nach Istanbul nimmt, wo sie gemeinsam mit Verwandten eine Hütte errichten, ein sogenanntes gecekondu, ein quasi über Nacht illegal aus dem Boden gestampftes Domizil, das einem Gewohnheitsrecht zufolge meistens, wenn es erst einmal steht, nicht abgerissen wird. Nachträgliche Legalisierungen auf der Basis von Bestechung oder Freundschaftsdiensten sind die Regel, und so kommen auch Mevlut und die Seinen zu Grundbesitz, dessen Wert wegen des rasanten Wachstums der Stadt beträchtlich steigt. Zu Beginn der Erzählung hat Istanbul 1,8 Millionen Einwohner, an ihrem Ende 13 Millionen.

Der Roman illustriert den Weg aus tiefer Armut zu bescheidenem Wohlstand überaus anschaulich. Der Vater, ein bäurischer Analphabet, schlägt sich als ambulanter Verkäufer durch, der an einem Tragbügel Joghurt und boza durch die Straßen schleppt. Boza ist eine Art Bier, aus Hirse gebraut, schwach alkoholisch und bei Muslimen beliebt, weil sein Genuss die religiösen Vorschriften nahezu nicht verletzt.

Mevlut ist ein gut aussehender, sympathischer Bursche, der tagsüber in die Schule geht und bis in die Nacht boza feilbietet. Er liebt die Wanderungen durch die Stadt, die Plauderei mit Passanten und Ladenbesitzern, und wenn er mit seinen "boozaa!"- Rufen die Gassen erfüllt, kommt es ihm fast so vor, als gehöre ihm ganz Istanbul. Doch die Pflichten als Schüler und zugleich als Händler überfordern ihn, er bricht die Schule ab. Allerdings wird sein Gewerbe immer schwieriger. Schnellstraßen durchschneiden die alten Viertel, und die oberen Etagen der neuen Wohnblocks sind so weit entfernt, dass er sie mit seinen Rufen nicht mehr erreicht. Außerdem gibt es jetzt boza in Flaschen zu kaufen, Joghurt in Plastikbechern. Also schafft er sich ein Wägelchen an, mit dem er warme Gerichte ausfährt. Doch dann kommt der Putsch, die Militärregierung verbietet den Straßenhandel, die Polizei beschlagnahmt sein Gefährt und zerschlägt es.

Die politischen Ereignisse, seien es die Pogrome gegen die Griechen, der Krieg gegen die Kurden, die Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und Nationalisten oder die blutigen Demonstrationen, werden von Pamuk immer wieder in den Teppich der Familiengeschichte eingewoben. Sie berühren, sie verändern auch das Leben des kleinen Mannes Mevlut. Doch der will von Politik nichts wissen, sie ist ihm unheimlich. Von seinem Vater hat er gelernt, dem Staat, in welcher Form auch immer, aus dem Weg zu gehen. Er hat noch nie Steuern gezahlt.

Mevlut ist ein gutherziger, ein fleißiger Geselle, aber keine seiner zahllosen Karrieren bringt ihn voran. Wir erleben ihn als boza- Verkäufer, Kellner, Eisverkäufer, sogar als Geschäftsführer in einem Restaurant, als Inhaber einer eigenen Kneipe und schließlich als Stromableser. Alles geht irgendwie schief – weil die Verhältnisse sich geändert haben oder weil er Lug und Trug nicht durchschaut. Er ist ein Hans im Glück, der arglos in die Welt guckt und selbst einem Missgeschick das Beste abzugewinnen vermag.