An einem ganz normalen Wochentag, Freunde sind spontan zum Essen vorbeigekommen – die Wochenenden sind bis KW 24 dicht. Ihr habt euch darauf verständigt, dass es nicht so spät werden darf heute, weil ja morgen alle früh rausmüssen. Du hattest dir fest vorgenommen, gesittet zwei Gläser Wein zu trinken, die Gäste zu verabschieden und dann ins Bett zu gehen, um den nächsten Morgen ausgeschlafen und erholt mit einem strahlenden Lächeln zu begrüßen. Arbeitnehmer-self-high-five!

Mittlerweile ist die siebte Rotweinflasche leer. Zugegeben: Ein Teil davon trocknet auf dem Teppich unter einem Salzberg, aber recht überwiegend ist der Inhalt schon in euch gelandet. Es war ein wunderbarer Abend, und er ist immer noch toll. Ihr habt diskutiert, euch unterhalten und einander schmeichelhafte Dinge gesagt, die ihr einander immer schon mal sagen wolltet. Klar ist an diesem Punkt: a) Deine Freunde sind die großartigsten Menschen auf der ganzen Welt, und b) Morgen aufstehen wird die Pest. Dann holt jemand die Ouzo-Flasche.

Wo genau die Grenze zwischen Vernunft und auch-schon-egal-jetzt verläuft, ist nicht kartografiert. Aber die Ouzo-Flasche ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie überschritten wurde. Natürlich taugt das Getränk auch zum Verdauen, weshalb es in griechischen Restaurants gern nach dem Essen gereicht wird, aber am Ende hat ja auch das was mit Loslassen zu tun. Ouzo ist wie ein herzensguter, alter Freund, der zu fortgeschrittener Stunde die Wohnung betritt, sich ratzfatz nackig macht und zum dionysischen Gelage trötet. Hoch die Tassen.

Ouzo macht es dir leicht. Du musst ihn nicht von links nach rechts im Mund wälzen und hinterher irre kluge Dinge über ihn sagen. Es gibt keine berühmten, komplizierten Cocktails, die seine Teilnahme erfordern. Ouzo gibt es mit und ohne Wasser. Fertig. Mit Wasser wird das Getränk milchig, ohne Wasser knallt es mehr, und der Anis brüllt dir in die Nebenhöhlen. Der catchy Werbeslogan "Ich trink Ouzo, was machst du so?" wirkt immer brillanter, je mehr der Morgen graut. Apropos: Er wird grauenvoll, der nächste Morgen.