DIE ZEIT: Herr Zimmer, Sie finden es falsch, dass Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel der Einzelhandelskette Edeka erlaubt, künftig auch die Supermärkte von Kaiser’s und Tengelmann zu betreiben. Warum?

Daniel Zimmer: Die Entscheidung schwächt den Wettbewerb. In Berlin, in manchen Gegenden Bayerns und Nordrhein-Westfalens gehören Kaiser’s und Tengelmann zu den wichtigsten Konkurrenten von Edeka. Wenn es diesen Wettbewerb nicht mehr gibt, haben die Verbraucher weniger Auswahl, und die Preise steigen.

ZEIT:Gabriel argumentiert, dass er Arbeitsplätze bei Kaiser’s und Tengelmann sichert, es geht um 16.000 Menschen. Was ist daran falsch?

Zimmer: Man muss zwischen dem Schutz bestimmter Arbeitsplätze und der richtigen Politik für eine Volkswirtschaft unterscheiden. Ich verstehe jeden Angestellten von Kaiser’s und Tengelmann, der jetzt aufatmet, weil sein Job erst einmal sicher ist. Aber bei der sogenannten Ministererlaubnis darf das allein keine Rolle spielen. Wenn der Minister die Fusion von Unternehmen erlaubt, obwohl das Kartellamt sie abgelehnt hat, dann muss das dem Gemeinwohl dienen. Gabriels Entscheidung müsste also die Beschäftigung insgesamt erhöhen. Das wird aber nicht passieren, wahrscheinlicher ist das Gegenteil.

ZEIT: Es fallen Arbeitsplätze weg?

Zimmer: Damit muss man rechnen. Nur vorerst eben nicht bei Kaiser’s und Tengelmann. Deren Filialen müssen nun von Edeka fünf Jahre weitergeführt und die Angestellten weiterbeschäftigt werden. Das gehört zu den Bedingungen der Ministererlaubnis. Es ist nun aber nicht so, dass die Deutschen auf einmal mehr einkaufen, weil die Fusion erlaubt wird. Edeka wird also stärker im eigenen Filialnetz nach Sparmöglichkeiten suchen und im Zweifel Edeka-Filialen schließen.

ZEIT: Der Erhalt von Jobs bei Kaiser’s und Tengelmann kostet Jobs bei Edeka?

Zimmer: So ist es. Edeka hat von allen Einzelhändlern die meisten Überschneidungen mit Kaiser’s und Tengelmann. An vielen Orten wird das Unternehmen künftig zwei Filialen haben, aber nur eine brauchen. Deshalb hat es größere Anreize zu Filialschließungen als jeder andere potenzielle Käufer. Und Edeka-Filialen können sofort geschlossen werden, Kaiser’s- und Tengelmann-Filialen nach Auslaufen der Bestandsgarantien. Dabei hätte es Alternativen gegeben.

ZEIT: Welche?

Zimmer: Es gab andere Bewerber. Die wollten nur, bis auf Rewe, nicht gleich das ganze Filialnetz übernehmen. Aber man hätte die Märkte auch einzeln verkaufen können. Dann wäre nicht ein großer Anbieter um weitere 450 Filialen gewachsen, sondern viele kleinere, regionale Konkurrenten hätten eine Chance bekommen.

ZEIT: Im Wirtschaftsministerium gibt es viele gut ausgebildete Ökonomen. Warum, glauben Sie, hat Gabriel das nicht erkannt?

Zimmer: Das müssen Sie ihn selbst fragen. Politiker neigen nach meinem Eindruck dazu, einzugreifen, um den Wählern zu signalisieren, dass sie sich kümmern. Retten und helfen, das ist ein starker Reflex – aber oft ein falscher. Nehmen Sie den Fall Holzmann: Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder schnürte ein Hilfspaket für den angeschlagenen Baukonzern – kurz darauf war der trotzdem pleite.

ZEIT: Immerhin gibt es jetzt für die Betroffenen fünf Jahre Planungssicherheit.

Zimmer: Das macht die Sache nicht besser, wenn dafür andere ihre Jobs verlieren.

ZEIT: In Deutschland haben die Wirtschaftsminister bisher neunmal die Fusion von Unternehmen erlaubt – und damit das Verbot der Wettbewerbsbehörde außer Kraft gesetzt. Gab es Fälle, in denen Sie das in Ordnung fanden?