DIE ZEIT: Wir sitzen zu sechst um einen Tisch. Sie bezeichnen sich als gläubige Frauen. Beten Sie täglich?

Monia Bichsel: Ja. In unserer Familie beten fast alle. Es ist für mich eine Art Meditation und gibt mir Halt. Ich glaube, man kann das Gebet auch als Therapieform betrachten: Man kann die Sorgen ins Gebet integrieren. Wir Muslime beten fünf Mal am Tag, im Sommer schon um halb vier Uhr am Morgen. Ich stelle aber nicht extra den Wecker, sondern bete, wenn ich aufstehe oder wenn ich es mir einrichten kann.

Sibylle Forrer: Ich komme aus einer Familie, in der Glauben keine große Rolle gespielt hat. Ich hatte aber als Kind das Bedürfnis zu beten, keine Ahnung, warum. Ich nahm das Gebetbuch aus dem Bücherregal und lernte das Unservater auswendig. Bis heute ist mir die ständige Beziehung zu Gott wichtig. So wie ich regelmäßig an meinen Mann oder an meine Eltern denke, führe ich auch mit Gott ein Zwiegespräch.

ZEIT: Was bringt Ihnen das?

Forrer: Ich mache eine innere Auslegeordnung. Andere würden vielleicht Tagebuch schreiben. Das gemeinschaftliche Gebet in der Kirche hat noch eine andere Qualität. Ich habe das intensiv erlebt am Sonntag nach den Anschlägen in Paris und Beirut. Zusammenzukommen und zu beten, hat uns in unserer Ohnmacht geholfen.

Jacqueline Straub: Bei mir ist Gott einfach immer dabei. Und zwar bereits morgens: Ich denke an Gott. In den Gottesdienst gehe ich meist nur am Sonntag. Aber es kommt vor, dass ich in der Uni-Bibliothek sitze, den Kopf voll habe und dann in die Kirche gehe, um eine Viertelstunde zu beten. Und auf dem Handy habe ich eine Rosenkranz-App.

ZEIT: Eine Rosenkranz-App?

Straub: Da erscheint ein Rosenkranz, und nach jedem Ave-Maria kann ich eine Perle anklicken. Auf der App sind auch alle anderen wichtigen Gebete der katholischen Kirche. Auf Latein und Deutsch.

ZEIT: Sie richten sich beim Gebet nach den Regeln der Kirche?

Straub: Wenn ich am Abend im Bett liege, bete ich, was mir in den Kopf kommt. Aber natürlich halte ich mich auch an die Vorgaben der Kirche. So bete ich oft ein Vaterunser oder ein Ave-Maria. Wenn ich in der Kirche bin, bete ich, so wie viele Katholikinnen und Katholiken, auf den Knien.

Valérie Rhein: Für mich ist die Auseinandersetzung mit den rabbinischen und den biblischen Quellen zentraler. Talmud, Tora: Das Ringen mit diesen Texten ist ein wichtiger Teil des rabbinischen Judentums. Für mich gehört zum Beten die Gemeinschaft. Und zwar eine egalitäre. Die gibt es in Basel aber nicht jeden Sabbat. Deshalb bete ich nicht regelmäßig.

Bichsel: Was ist mit egalitär gemeint?

Rhein: Ich bin Mitglied einer jüdischen Gemeinde in Basel. Dort ist das rituelle Leben orthodox. Das heißt, wenn ich in die Synagoge will, muss ich auf die Frauenempore gehen. Da bin ich in der Rolle der Zuschauerin; ich habe keinen aktiven Part. Der Ort des Geschehens ist unten, bei den Männern. Egalitär heißt, dass Männer und Frauen zusammen sitzen und den Gottesdienst gemeinsam gestalten.

ZEIT: Sie können also nicht so beten, wie Sie das möchten, weil Sie eine Frau sind?

Rhein: Das persönliche Gebet wäre natürlich jederzeit möglich. Das ist aber weniger meine Religionspraxis.

ZEIT: Fühlen Sie sich ausgegrenzt?

Rhein: Wenn es um die Rituale geht im Gottesdienst: ja. Obwohl es häufig gar nicht nötig wäre. Das orthodoxe Judentum sagt zum Beispiel, dass es eine Trennung zwischen Frau und Mann im Gebet braucht. Es ist aber nicht notwendig, eine Frauenempore einzurichten. Man könnte den Raum auch längs in zwei Teile trennen. Links die Frauen, rechts die Männer ...

Straub: ... so wie es lange Zeit auch in der katholischen Kirche gemacht wurde.

Rhein: Genau. Es braucht einen Perspektivenwechsel der Männer. Die sind sich oft gar nicht bewusst, wie es ist, drei Stunden abseits auf der Empore zu sitzen.

ZEIT: Seit in der Silvesternacht in Köln Frauen Opfer von Übergriffen wurden, tobt eine Debatte: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Islam und sexueller Gewalt gegen Frauen?

Bichsel: Köln hat für mich rein gar nichts mit Religion zu tun. Klar, soweit man weiß, waren die Täter Nordafrikaner, vermutlich also Muslime. Sie waren betrunken, haben geklaut und Frauen belästigt. Das entspricht in keiner Weise einer islamischen, religiösen Norm. Was ich hingegen nicht bestreiten kann, ist, dass es im arabischen Raum Macho-Verhalten gibt. Auch das hat für mich nichts mit Religion zu tun.