Zu den unangenehmen Seiten des Kapitalismus gehören die Lohnarbeit und ihre fatale Eigenschaft, den ganzen Menschen zu vereinnahmen. Da sitzt zum Beispiel Papi (oder Mami) am Sonntagabend vor dem Fernseher und denkt, heute gehöre ich mir, doch im Kopf nagt es: Jetzt ist Tatort, aber morgen ist Büro. Das ist der Moment, in dem man wirklich nicht solche Sachen hören möchte wie: Ist doch ganz toll im Büro, da erlebst du auch viel – von Teamgeist über Unternehmerwillkür, von Lohnkämpfen bis zum Flirt.

Der Vorsitzende des DGB-Bezirks Nord empfindet da anders. Zu viele Krimis im Fernsehen, meint er, und: "Die Menschen verbringen täglich viele Stunden im Betrieb, und da erleben sie auch viel – von Teamgeist über Unternehmerwillkür, von Lohnkämpfen bis zum Flirt", so zitiert ihn die Deutsche Presse-Agentur. "Warum bekommen also nicht mehr Serien eine Chance, die in einer Fabrik, in einem Büro, in der Werbeagentur oder Vorstandsetage, im Supermarkt oder in der Feierabendkneipe spielen?"

Wer weiß, vielleicht wäre es wirklich interessant, etwas über Teamgeist, Unternehmerwillkür, Lohnkämpfe und Flirts in den Büros des DGB-Bezirks Nord zu erfahren, aber so weit hatte dessen Chef seinen Vorschlag nicht konkretisiert. Stattdessen empfiehlt er den "Menschen", und damit sind wir lohnabhängigen Fernsehzuschauer gemeint, an ihren eigenen Alltag zu denken, im Aufzug zwischen Werbeagentur und Vorstandsetage steckend, eingeklemmt in der knappen Zeit zwischen Supermarkt und Feierabendkneipe, vor der Entscheidung zwischen Lohnkampf und Flirt.

An dieser Stelle nichts gegen Lohnkämpfe und Flirts, aber man lasse doch bitte den proletarischen Sonntag mit dem kapitalistischen Montag in Ruhe. Anders gesagt: Die Argumentation des Gewerkschaftschefs beweist zu viel. Denn verhält es sich nicht vielmehr so, dass die am Arbeitsplatz verbrachte Lebenszeit dermaßen angespannt ist, dass unsereins am Abend nicht etwa Fülle sucht, sondern Leere, nicht "Teamgeist, Unternehmerwillkür, Lohnkämpfe", womöglich nicht einmal Flirts, sondern stattdessen Geballer und Verfolgungsjagden?

Dem DGB Nord sei außerdem empfohlen, einmal während des Tatorts auf Twitter zu gehen. Da erleben die Menschen auch eine Menge.