DIE ZEIT: Herr Surminski, Herr Naami, Sie waren beide sehr jung, als Sie Ihre Eltern und Ihre Heimat verlassen haben. Wie war es, plötzlich allein zu sein?

Arno Surminski: Der Verlust der Eltern war das Schlimmste. Den Verlust der Heimat habe ich nicht gespürt. Als ich mit zehn Jahren ging, war ja alles zerstört, es waren kaum noch Menschen da. Alles, was mir Heimat bedeutet, sind Menschen.

Mbarak Naami: Ich vermisse meine Familie sehr. Anfangs habe ich gedacht: Ich gehe kurz nach Europa und komme bald wieder zurück, um sie zu besuchen. Aber so ist es nicht gekommen. Ich muss sehr lange warten, um Asyl zu bekommen.

ZEIT: Warum sind Sie vor drei Jahren aufgebrochen, Herr Naami?

Naami: Wir sind Berber und wohnen in der Sahara. Meine Eltern bauen Datteln an und Wassermelonen. Aber es gibt nicht genug Wasser, die Lage ist sehr schwierig. Mit 16 bin ich in den Ferien aufgebrochen, erst nach Tanger, dann nach Spanien. Ich habe nur meiner Mutter erzählt, dass ich gehe. Meinem Vater habe ich nichts gesagt. Er ist sehr streng.

Surminski: Haben Sie Kontakt zu Ihrer Familie?

Naami: Wir telefonieren jede Woche ein Mal.

Surminski: Wie sind Sie denn nach Spanien gekommen? Das ist doch total abgeschottet.

Naami: Es geht entweder mit einem Boot oder indem man sich im Hafen in einem Lkw versteckt. Ich bin in den Motorraum gekrochen, als der Fahrer kurz weg war: an den Rädern rein, da gibt es eine Lücke, und dann auf den Motor.

Surminski: Da muss es doch verdammt heiß sein.

Naami: Die erste Fahrt zur Fähre dauerte nur 15 Minuten. Auf der Fähre ging der Fahrer etwas trinken, da bin ich rausgekrochen. Als dann die Durchsage kam, gleich sind wir in Spanien, habe ich mich wieder beim Motor versteckt. Dann ist der Lkw in Spanien auf die Autobahn gefahren. Es wurde immer heißer, ich konnte nicht mehr atmen. Ich habe gedacht, ich sterbe hier drin. Ich habe geklopft, bis mich der Fahrer in seiner Kabine gehört hat. Er hat angehalten und die Polizei gerufen.

Surminski: Sie hätten sterben können.

Naami: Meine Schuhe waren schon etwas verbrannt. Aber ich glaube, was Sie erlebt haben, war schlimmer, Herr Surminski.

Surminski: Bei mir begann die Flucht, als die polnische Miliz im Dezember 1945 mit Pferdewagen ins Dorf kam und sagte: In zwei Stunden alle aufsteigen, wir fahren zur Bahn! Ich habe gezögert. Meine Eltern waren zuvor deportiert worden. Wenn ich jetzt wegfahre, dachte ich, finden sie mich nicht mehr. Ich wusste nicht, dass ich sie nie wiedersehen würde. Nachbarn haben mich überredet, meine Eltern seien bestimmt längst in Deutschland, sagten sie. An der Station standen Güterwagen, in jedem drängten sich 80 Menschen. Bis Frankfurt an der Oder hat es elf Tage gedauert. Unterwegs sind Menschen gestorben. Wenn der Zug hielt, wurden sie rausgezogen und an den Bahndamm gelegt.

ZEIT: Die Flucht sei das "eisige Grausen" gewesen, schreiben Sie in einem Ihrer Bücher.

Surminski: Wir waren ja schon im Januar 45 auf der Flucht vor der Roten Armee gewesen. Wenn Sie als zehnjähriger Junge einen Soldaten mit abgerissenem Kopf im Graben liegen sehen, alles voller Blut, ist das schon ein grausiger Anblick. Richtige Angst bekam ich, als ich in der Nacht hinter mich geschaut habe und riesenhafte Feuer sah.

ZEIT: Wie empfanden Sie das Alleinsein?

Surminski: Ganz allein war ich nie. Ich war immer an der Hand irgendeiner Person.

Naami: Für mich ist es schwierig, allein zu sein. Im ersten Jahr kann man es noch aushalten. Aber ich wusste nicht, dass es so lange dauert. Ich muss Geduld haben: Ich bin in Deutschland, habe ein Zuhause und alles, was ich brauche. Trotzdem fehlt was. Meine Familie.