DIE ZEIT: Am Samstag trifft die deutsche Nationalmannschaft in Berlin auf das Team aus England. Wie aussagekräftig ist die Begegnung mit Blick auf unsere Chancen bei der Europameisterschaft?

Thomas Hitzlsperger: Das Spiel hat sportlich keine große Relevanz. Die Vereine sind in erster Linie besorgt, dass sich ihre Spieler verletzen könnten in dieser so wichtigen Saisonphase, in der es um die Qualifikation für die Champions League, Europa League oder den Abstieg geht.

ZEIT: Man könnte also auf die beiden bevorstehenden Freundschaftsspiele verzichten?

Hitzlsperger: Sie sind sportlich nicht aussagekräftig, aber für den Bundestrainer von Bedeutung. Joachim Löw wird davon profitieren, weil er die Spieler auf das Turnier in Frankreich einstimmen kann. Er hat eine Woche Zeit, Einzelgespräche zu führen und den Gesamtzustand der Spieler zu überprüfen. Für manch einen Spieler bedeuten die Begegnungen auch viel, vor allem für die, die in ihren Vereinen nicht so glücklich sind.

ZEIT: Spieler wie Mario Götze?

Hitzlsperger: Ja, Mario Götze wird kaum noch bei den Bayern spielen. Joachim Löw muss sich jetzt vergewissern: Wie ist Mario Götze drauf? Es wäre Götze zu wünschen, dass er beide Partien durchspielen kann. So kann er die Freude am Fußball wiederfinden, die ihm beim FC Bayern abhandengekommen ist.

ZEIT: Wayne Rooney, der Kapitän der Engländer, fehlt aufgrund einer Knieverletzung. Auch Bastian Schweinsteiger musste zuletzt wegen eines Innenbandrisses zwei Monate lang pausieren.

Hitzlsperger: Bastian Schweinsteiger hat keine gute Zeit hinter sich. Aufgrund der Verletzung einerseits und der oft enttäuschenden Partien der Mannschaft andererseits. Er steht genauso in der Kritik wie viele seiner Kollegen. Aber genau hier greift jetzt das, was den Unterschied zwischen der deutschen und beispielsweise der englischen Nationalmannschaft ausmacht.

ZEIT: Worauf wollen Sie hinaus?

Hitzlsperger: Das Schöne an der deutschen Mannschaft ist ja, und daran erinnere ich mich oft: Auch wenn der eine oder andere keinen Erfolg beim Verein hat und dementsprechend unzufrieden ankommt, hat er aber nach den Länderspielen den Akku wieder aufgeladen. Spieler, bei denen es gerade gut läuft, bringen Schwung mit, und die anderen lassen sich davon anstecken. Das Trainer- und Betreuerteam trägt dazu einen großen Teil bei. Von meinen englischen Kollegen kann ich dergleichen nichts berichten.

ZEIT: Es heißt, den Spielern gehe es beim DFB zu gut, sie würden zu sehr verwöhnt.

Hitzlsperger: So wurde es bis vor dem Titelgewinn in Brasilien häufiger formuliert, aber mittlerweile zieht dieses Argument nicht mehr. Die aktuelle Spielergeneration braucht keine Strafandrohung, um Leistung zu bringen. Die Spieler sind wissbegierig, sie wollen die Entscheidungen des Trainers nachvollziehen können, daher wird viel miteinander gesprochen. Das Team fühlt sich so noch mehr in der Verantwortung. Ganz im Gegensatz zu den Engländern: Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Spieler den Sommer lieber am Strand verbringen als mit ihrer Nationalmannschaft. Das hat sich auf die Fans übertragen. Fragt man sie nach dem Nationalteam, antworten sie: "I support my club."

ZEIT: Sie haben in England gespielt, kennen Spieler und Ex-Spieler des Teams. Könnte es in absehbarer Zeit gelingen, das Image der Drama-Queen unter den Nationalmannschaften zu überwinden?

Hitzlsperger: Als ich damals mitbekam, wie gut die Premier League und wie groß die Euphorie der Fans ist, dachte ich vor jedem Großereignis: Dieses Mal gewinnen sie das Turnier. Sie sind aber immer wieder kläglich gescheitert. Heute denke ich: Der Qualitätsunterschied zu den anderen Teams ist einfach zu groß, der Einzug ins Halbfinale wäre ein riesiger Erfolg.

ZEIT: Der 18-jährige Mittelstürmer Marcus Rashford gilt als neuer Hoffnungsträger ...

Hitzlsperger: Etwas Schlimmeres konnte ihm nicht passieren. Erst kürzlich debütierte er in der Europa League, und nun werden von ihm schon Wunderdinge erwartet. Ihm wird kaum Zeit bleiben, sich zu entwickeln. Ich halte das für einen Fehler.