Was, wenn der Alte gleich aufschreckt, und aus Versehen reißt er die Kerze vom Tischchen? Oder was, wenn gerade ein Fenster aufsteht, und der Wind fährt machtvoll herein und löscht das Licht? Dann wäre es aus mit der Kunst. Dann säßen die beiden, der Alte und das Mädchen, endgültig in undurchdringlicher Finsternis. Und wir, die Betrachter, hätten es auch nicht viel besser. Hätten nur Dunkelheit vor Augen, erloschene Welt.

Gut, so weit wird es nicht kommen. Drei Jahrhunderte dauert es noch, bis die Maler der Moderne alle Farben und Sujets unter blickdichtem Schwarz verbergen. Doch schon hier, in den Bildern des großen Georges de La Tour (1593 bis 1652), eines der wichtigsten Künstler des französischen Barocks, spielt die Kunst mit der Idee, die sichtbare Welt und also auch sich selbst auszulöschen. Im nächsten Moment könnte es vorbei sein mit dem schönen Schein, alles zappenduster, auf ewig dunkel.

Viele solcher Nachtbilder hat La Tour am Beginn des 17. Jahrhunderts gemalt, ungemein stille Szenen, die nichts davon ahnen lassen, dass seine Heimat Lothringen und mit ihr halb Europa gerade untergingen, von Heeren überrannt, vom Hunger ausgezehrt, von der Pest dahingerafft. Nur in den Schatten, die er malt und die an den Dingen saugen, an den Menschen lecken und sie am liebsten gleich verschlängen, nur an dieser alles umfangenden Dunkelheit, in der es keine Fenster gibt, keine Türen, nicht den kleinsten Spalt, durch den das Morgenlicht hereinleuchten könnte, nur in dieser Finsternis, erhellt allein von rußenden Flammen, lässt sich La Tours bedrängende und bedrohliche Gegenwart erahnen. Auf seinen Bildern ist alles Augenblick. Und also gleich vorüber.

Gleichwohl ist diese dunkle Kunst nie düster. Wie kaum ein anderer Maler seiner Zeit weiß La Tour um die paradoxe Macht seiner Bilder, taucht sie tief ins machtvolle Schwarz und kann doch gewiss sein, dass die bescheidenen Kerzen nur umso heller leuchten. Er nimmt der ewigen Nacht ihren Schrecken, denn hier, in der Kunst, wird das Vergängliche nicht vergehen. Und so ist La Tour zwar kein Ostermaler, es gibt von ihm keine Kreuzigung, keine Kreuzabnahme, keine Auferstehungsszenen, dennoch erzählen viele seiner Bilder vom Anbruch einer neuen Wahrheit und der Aussicht darauf, die finstere Wirklichkeit zu überwinden.

Was ein Seelenkitsch, sagen da manche. Holde Weltflucht, schlimm verwunschen! Doch wer so redet, begnügt sich mit dem ersten, flackernden Eindruck, obwohl sich La Tours Malerei erst erschließt, wenn man ihre ganz unterschiedlichen Seiten, auch ihre unflätigen, hinterlistigen, abstrusen Momente in den Blick nimmt. Zugegeben, nur selten ist das möglich, zu verstreut sind die wenigen erhaltenen Werke. Umso großartiger ist nun das, was der Prado in Madrid versammelt: rund 30 gesicherte Gemälde, die dazu einladen, Georges de La Tour noch einmal neu zu entdecken (bis zum 12. Juni).

Über Jahrhunderte war er vergessen, so als hätte die Dunkelheit seiner Bilder am Ende tatsächlich zugeschlagen und den Ruhm des Malers verschluckt. Einst hatten die mächtigsten Männer seine Kunst erworben, aber nur Jahrzehnte nach seinem Tod schien es La Tour nie gegeben zu haben. Viele Kenner schätzten seine Werke, glaubten jedoch lange, irgendein Spanier, Italiener oder Niederländer habe sie gemalt. Selbst heute noch ist so gut wie nichts über La Tour und seinen Werdegang bekannt. Die Quellen schweigen beharrlich, und so hat sich die Ausstellung in Madrid zwar vorgenommen, die Bilder chronologisch zu ordnen. Viel mehr als Mutmaßungen ist aber nicht zu besichtigen.

Daran muss sich niemand stören. Weit interessanter als das ewige, dicke Kataloge füllende Gerede über Früh- und Spätwerk, über Zuschreibungen, mögliche Romreisen und die Rolle der Gehilfen ist ja ohnehin die Kunst, unfasslich und rätselhaft auf ihre Weise. Die Heiligenbilder zum Beispiel, die La Tour so unheilig wie irgend möglich malte. Apostel mit Narben im Gesicht, das Haar hängt in fettigen Strähnen vom Kopf, die Hände sind selbstverständlich ungewaschen. Es ist eine unfrisierte Wirklichkeit, die La Tour hier ins Bild rückt, und wer vielleicht noch glaubte, im Barock hätten die Maler vor allem propere Engelchen und schmachtende Marien gemalt, hätten sich vor allem der Schönheit, dem Prunk, der herrlichsten Überfülle hingegeben, sieht sich bitter enttäuscht.

Bei La Tour erscheint die Kunst so gerupft und speckig, dass man gleich meint, ein scharfer Geruch von ungewaschenen Socken und undeodorierten Achselhöhlen müsse die Museumssäle durchziehen. Man schnuppert auch, zu riechen ist aber nichts. So wie man den Alten im nächsten Raum nicht hört, obwohl man ihn hören müsste, so lebenstreu, wie er sich auf dem Gemälde ins Zeug legt, den Mund aufreißt und aller Welt das schiefe Gebiss darbietet, weil er schließlich ein Bettler ist und blind dazu und nur mit krächzenden Gesängen über die Runden kommen kann.