Eingekeilt zwischen riesigen Fährschiffen, haben sie sich auf diesem Hafenkai in Piräus eine Idylle geschaffen. Vier Männer und ein Kind essen eine Fleischsuppe. Hinter ihnen ein Zelt, eine sanft leuchtende Glühbirne, Schlafsäcke, auf denen ihre Smartphones liegen. Amdschahed, seine drei Freunde und sein fünfjähriger Sohn sind vor wenigen Tagen aus Syrien gekommen. Sie flohen aus dem von iranischen Milizen besetzten Hama in die Türkei, von der türkischen Küste nach Leros und Lesbos, von dort mit der Fähre hierher. Amdschahed hat verschiedenen Schleusern knapp 3.000 Euro bezahlt, bis er es hierher schaffte, nun ist der 32-Jährige pleite. Weiter als Piräus sind sie nicht gekommen. Jetzt hocken sie hier im großen Hafen, von dem ab April die Touristen auf die Inseln fahren werden. Amdschahed und seine Freunde leben im Passagierterminal, den die Hafenbehörde den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt hat. Weiß er, dass nach dem neuen Plan der EU alle Flüchtlinge in die Türkei zurückgeschickt werden sollen? "Ja", sagt er, aber er wolle auf keinen Fall in die Türkei. Vielleicht muss er das auch nicht. Denn er ist vor Sonntag, dem Stichtag, eingetroffen.

Für alle Flüchtlinge, die ab Sonntag gekommen sind, gilt nun die neue EU-Regel: zurück in die Türkei. Diese Aussicht soll sie davor abschrecken, illegal über die Ägäis nach Europa zu kommen und dabei ihr Leben zu riskieren. Für jeden syrischen Flüchtling, der in die Türkei zurückgeschickt wird, soll ein Syrer direkt aus Anatolien nach Europa gehen. Das ist der große Deal zwischen der EU und der Türkei. In der Nacht auf Montag sind trotzdem 1.662 Flüchtlinge und Migranten auf die griechischen Inseln übergesetzt – mehr als in den Tagen zuvor. Nun beginnt die große Wette der Menschenschmuggler gegen die EU. Lassen sich die Flüchtlinge entmutigen, oder setzen sie darauf, dass der Deal kollabiert? Griechenland steht im Zentrum dieser Wette.

In vielen europäischen Kommentaren liest man schon wieder die gleichen Stereotype wie in der Euro-Krise: "Chaos in Griechenland", das Land sei "hoffnungslos überfordert". Im Hafen von Piräus und in den Athener Aufnahmelagern sucht man das Chaos vergeblich. Die Zelte stehen ordentlich im hohen Passagierterminal und im Park davor. Drum herum kleine Zäune, alle sind beleuchtet. Vor dem Lager steht eine Suppenküche, die dreimal am Tag warmes Essen und den ganzen Tag Tee und Kekse verteilt. Kinder spielen Verstecken. Leider habe es in einem Lager von Piräus schon Schlägereien gegeben, sagt Amdschahed. Zwischen Syrern und anderen Migranten, die weniger Aussicht auf Anerkennung als Flüchtlinge haben. Die Griechen schlichteten. Amdschahed freut sich über die Hilfe der Freiwilligen. "Sie sind Tag und Nacht hier, immer freundlich, immer hilfsbereit", sagt er. Die Griechen kümmerten sich um die Kinder, brächten ständig neue Klamotten mit, sogar Kinderwagen.

Das entspricht so gar nicht dem Bild, das in einigen europäischen Ländern von Griechenland gezeichnet wird. Dort dominieren die Bilder von den wilden, von Flüchtlingen errichteten Lagern bei Idomeni am Grenzübergang nach Mazedonien. Tatsächlich engagieren sich Heerscharen von Griechen für die Neuankömmlinge. Die Lager in Piräus werden im Wesentlichen von Freiwilligen geführt. Sie verbringen die Tage in den Camps, waschen abends die Wäsche der Flüchtlinge, lassen sie auch bei sich zu Hause duschen, weil die Sanitäreinrichtungen im Hafen nicht ausreichen.

Diese Helfer unterstützen die staatlichen Aufnahmelager wie das im Athener Stadtteil Eleonas. Dort stehen persilweiße Containerhäuschen in Reihe, daneben ein großes Zelt als Kantine, ein weiteres für Feste und Spiele, ein Fußballplatz, ein Kiosk, ein Café. Die Zeiten, in denen Griechenland unter der konservativen Vorgängerregierung mit Stacheldrahtverhauen für Flüchtlinge negative Schlagzeilen machte, sind vorbei. Längst hat im Land eine Willkommenskultur um sich gegriffen – so wie in Deutschland im Sommer 2015.

Griechenland versinkt also nicht im Chaos, es ist aber sehr stark belastet – viel mehr, als ein Land mit einer schrumpfenden Wirtschaft vertragen kann. Das ist der entscheidende Unterschied zu Deutschland. Aber nicht nur deshalb streiten sich nun die griechischen Flüchtlingsexperten, ob das Abkommen mit der Türkei überhaupt funktionieren kann. Daniel Esdras von der Internationalen Organisation für Migration ist optimistisch; der ehemalige Syriza-Regierungsberater und Politikprofessor Dimitris Christopoulos sieht eher schwarz. Beide haben ihre Büros in Athen nicht weit von der Ägäisküste, wo immer neue Flüchtlinge ankommen.