DIE ZEIT: Herr Minister, was war der schlimmste Hasskommentar, den Sie je bekommen haben?

Heiko Maas: Ich solle mir das, was ich sage, noch mal durch den Kopf gehen lassen – mit neun Millimeter Durchmesser. Das kam per Mail.

ZEIT: Bekommen Sie viele solcher Mails?

Maas: Ja. Das hat an dem Tag angefangen, an dem ich Pegida als Schande für Deutschland bezeichnet habe, also im Dezember 2014. Vorher gab’s die übliche Politikerbeschimpfung. Aber in Qualität und Quantität ist es von da an exponentiell gestiegen.

ZEIT: Lesen Sie alles?

Maas: Nein. Ich lese mittlerweile gar nichts mehr davon. Ich möchte meine Arbeit unbeeinflusst von irgendwelchen Hasskommentaren tun, und seien sie noch so wütend. Vieles, was ich höre, kann ich persönlich wirklich nicht erst nehmen. Es berührt mich nicht mehr.

ZEIT: Sie haben Pegida eine "Schande" genannt, Ihr Parteichef Sigmar Gabriel sprach von "Pack", und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich sagte nach Clausnitz: "Das sind keine Menschen." Darf man sich über Hysterisierung beklagen, wenn man selbst so zuspitzt?

Maas: Ich habe immer auch klargemacht, dass wir eine sachliche Auseinandersetzung miteinander führen müssen. Über eine so wichtige Frage wie die Flüchtlingsdebatte müssen wir auch miteinander streiten. Aber wir sollten nicht den Respekt voreinander verlieren. Und: Wenn die Debatte nur zur fremdenfeindlichen Hetze instrumentalisiert wird, müssen wir dies klar benennen.

ZEIT: Im Streit um die Flüchtlinge haben Sie den beiden ehemaligen Verfassungsrichtern Hans-Jürgen Papier und Udo Di Fabio einen "Beitrag zu geistiger Brandstiftung" vorgeworfen. War das ein Beitrag zur Mäßigung?

Maas: Mir geht es nicht um persönliche Kritik. Die juristische Debatte soll bitte jeder führen. Allerdings sollten wir das Augenmaß nicht verlieren. Wenn proklamiert wird, in Deutschland gebe es den Staatsnotstand oder herrsche das Unrecht, halte ich das für problematisch. Das schwächt die Geltungskraft der Gesetze und erschüttert die Rechtstreue der Menschen. Fühlen sich durch die zugespitzte Rhetorik am Ende dann nicht auch diejenigen ermutigt, die "Bürgerwehren" gründen oder zur Tat schreiten, um "Widerstand" zu leisten? Jedem sollte die Wirkung seiner Thesen und Worte bewusst sein.

ZEIT: Di Fabios Gutachten besagt, dass die Flüchtlingskrise nicht juristisch gelöst werden könne, sondern nur politisch.

Maas: Das stimmt ja auch.

ZEIT: Aber ist das "geistige Brandstiftung"?

Maas: Selbstverständlich nicht. Aber wir können uns leider nicht dagegen wehren, was rechte Wirrköpfe instrumentalisieren, um ihre Taten zu rechtfertigen.

ZEIT: Die beiden Fernsehjournalistinnen Dunja Hayali und Anja Reschke sprechen öffentlich über den Hass, der ihnen entgegenschlägt. Hilft das?

Maas: Ich finde es wichtig und richtig, was die beiden tun. Was da abgesondert wird, ist widerwärtig – es beleidigt nicht nur die beiden, sondern uns alle. Das Schlimme ist aber: Es ist die Realität. Davor können wir nicht die Augen verschließen. Viele, die sich in der Vergangenheit nie zu Wort gemeldet haben, fühlen sich durch das, was sie im Netz lesen, bestätigt. Das verändert die Kommunikation. Sie wird härter, direkter und unmittelbarer. Ich befürchte allerdings, diesen Hass hat es immer schon gegeben, jetzt tritt er offen zutage.