Einst standen auf den Tafeln im Büro dieses Mannes die Mannschaftsaufstellungen des FC St. Pauli – heute hat er sich auf der To-do-Liste in seinem Büro notiert: "Fleischtheke neu präsentieren". Holger Stanislawski, 46, war elf Jahre lang Profifußballer beim FC St. Pauli, dann wurde er Bundesligatrainer. Seit 2014 ist er einer von drei Geschäftsführern eines Supermarkts in der Dorotheenstraße in Winterhude.

DIE ZEIT: Vom Bundesligatrainer zum Supermarkt-Geschäftsführer – das ist ja eher eine ungewöhnliche Geschichte.

Holger Stanislawski: Sehr ungewöhnlich. Als wir das im Juni 2014 verkündet haben, kamen zehn Kamerateams, 20 Journalisten, Fotografen aus ganz Deutschland. Alle sagten: Das ist doch ein Witz. Aber die, die mich kennen, wissen, dass ich gedanklich schon immer ein bisschen weiter war. Schon als Spieler habe ich mich mit der Frage beschäftigt: Was passiert eigentlich nach dem Fußball? Mir war klar, dass ich nicht bis 65 an der Trainerbank stehen möchte.

ZEIT: Zu öde?

Stanislawski: Ja. Ich bin von Pauli weggegangen, weil ich neuen Input brauchte. Ich war 18 Jahre bei dem Club, ich musste neue Menschen sehen, neue Gespräche führen, mich mit anderen Situationen auseinandersetzen.

ZEIT: Nach so vielen Jahren im Profifußball: Sind Sie eigentlich ein gemachter Mann?

Stanislawski: Dafür hätte ich sicherlich den Verein wechseln müssen. Ich habe acht Jahre Zweite Liga gespielt und drei Jahre Bundesliga. Das reicht nicht, um nichts mehr tun zu müssen. Das war kein Vergleich zu dem, was heute in der Bundesliga verdient wird – da liegen Welten dazwischen. Aber ich habe ein bisschen gehaushaltet. Ich muss nicht mehr alles machen.

ZEIT: Stimmt es, dass Sie vor dem Supermarkt-Job arbeitssuchend gemeldet waren?

Stanislawski: Ja. Das zählt nachher für die Rente, ist also ein ganz normaler Gang. Ich hatte zuvor selbst den Vertrag mit dem 1. FC Köln aufgelöst, deswegen gab es drei Monate kein Arbeitslosengeld.

ZEIT: Haben Sie allen Ernstes Bewerbungen geschrieben?

Stanislawski: Nein, nein. Trainer werden in der Kategorie Künstler geführt. Bundesligatrainer sind aber eher schwer vermittelbar.

ZEIT: Sind Trainer denn Künstler?

Stanislawski: Durch die Trainerausbildung ist der Beruf vielschichtig. Aber ob ihn das zum Künstler macht? In meinen Augen ist auch nicht jeder Schauspieler ein Künstler. Mit einem Maschinengewehr durch die Gegend zu laufen und wenig zu sprechen ist ja nicht unbedingt Kunst, sondern auch viel Budget und Name.

ZEIT: Geht Til Schweiger bei Ihnen einkaufen?

Stanislawski: Den habe ich hier noch nicht gesehen.

ZEIT: Sondern?

Stanislawski: Hier laufen einige rum. Von Pierre-Michel Lasogga vom HSV über Marek Erhard bis Sylvie Meis. Lotto King Karl schickt mir immer ein Selfie mit seinen Einkäufen. Hier ist aber kein Prominenter wichtiger als Frau Meier, die mit ihrem Einkaufskorb durch die Gegend tingelt.

ZEIT: Wir sehen, Sie tragen auch immer noch Kapuzenpulli wie früher am Spielfeldrand.

Stanislawski: Ich muss hier im Markt nicht mit dem Anzug rumrennen und jedem signalisieren, dass ich der Chef bin. Ich packe auch mal mit an, beim Umbau, beim Verräumen von Waren, wenn helfende Hände fehlen.

ZEIT: Wissen Sie, was bei Ihnen aktuell die preiswerteste Butter kostet?

Stanislawski: Da müsste ich lügen, das weiß ich nicht. Wir haben mittlerweile etwa 48.000 Artikel. Da bin ich nicht so drin.

ZEIT: Sie sind einer von drei Geschäftsführern, alle drei sind frühere Fußballprofis oder -manager. Wer übernimmt welche Aufgabe?

Stanislawski: Kollege Alexander Laas macht Personal und Finanzen, Bernd Enge ist für die Waren zuständig. Ich bin Hauptansprechpartner für die Öffentlichkeitsarbeit. Das liegt in der Natur der Sache, die meisten Anfragen kommen eben an mich. Dann bin ich für die Ladenfläche zuständig, alles, was Deko und Umbauten betrifft.

ZEIT: Eigentlich sind Sie doch ein ausgebildeter Masseur.

Stanislawski: Das nannte sich staatlich geprüfter Masseur und medizinischer Bademeister. Mit Kneipp-Güssen und Unterwassermassagen! Damals spotteten alle immer: Bitte nicht vom Beckenrand springen. Jetzt heißt es: Verkauft Stani Käse? Das ist mindestens genauso falsch.

ZEIT: In den 18 Jahren beim FC St. Pauli waren Sie fast alles: Spieler, Praktikant, Vizepräsident, Sportchef, Trainer. In den Jahren dort haben Sie auch ziemlich magere Zeiten erlebt.

Stanislawski: Oh ja.

ZEIT: Was macht das mit einem Verein?

Stanislawski: Das schweißt unheimlich zusammen. Die Zeit als ehrenamtlicher Präsident und Manager war meine schönste Zeit bei dem Verein. Wir waren ein ganz kleines Team von vier Leuten um Corny Littmann. Wir wussten nie: Geht es den nächsten Monat noch weiter?

ZEIT: Was war so schön am Mangel?