Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten.
Das sorglose Wort ist töricht.
Eine glatte Stirn deutet auf Unempfindlichkeit hin.
Der Lachende hat die furchtbare Nachricht nur noch nicht empfangen.

Bertolt Brecht: "An die Nachgeborenen"

Als es Nacht wird in Idomeni, ist es dort, wo mein Zelt unter Tausenden steht, stockfinster. Nur über den Zelten am Bahngleis brennt Licht. Es sind jene, die bis an die Schienen reichen. Sie stehen auf Schotter, wovon das Wasser leichter abfließt.

Die Feuer vor den Zelten brennen nicht mehr. Feuer, die nicht von selbst ausgegangen sind, hat der strömende Regen gelöscht. Es wabern nur noch giftige Dämpfe von Kunststofffolien, mit denen das nasse Holz entzündet worden war.

In den Zelten wird noch lange geredet. Kinderstimmen dazwischen. Schließlich ist Reden das Einzige, was Flüchtlinge hier unbegrenzt tun können. Fortgehen jedenfalls können sie nicht. Spät, ganz spät wird es still. Der Schlaf senkt sich über das Elendsquartier. Aber wer kann hier schon schlafen? Ich nicht. Es ist kalt in meinem Zelt, der Boden nass und die Zeltwände feucht.

Je weiter die Nacht fortschreitet, desto lauter klingt das Konzert aus Husten, Räuspern und Kinderweinen, manche wimmern nur. Eine Sinfonie des Grauens. Schräg hinter mir, drei Zelte weiter, liegen eine Mutter und ihr fünf Tage altes Kind. Zwei Tage lang hatten Mama und Kind im überfüllten Krankenhaus ein Dach über dem Kopf und ein warmes Bett gefunden. Jetzt liegen sie wieder hier auf Schlamm im nassen Zelt. Wie soll das Kind heißen?, habe ich sie gefragt. Suleika. Habe ich richtig gehört? Suleika, der Name der schönsten Geliebten, die der siebzigjährige altersmüde und liebesversehrte Goethe im West-östlichen Divan besang. Suleika, jetzt bloß eine poetische Reminiszenz im Schlamm.

Ich muss die Nacht hinter mich bringen, da hilft keine Lyrik. Wann hört der Regen endlich auf, gegen meine Zeltplane zu trommeln? Ich luge kurz aus dem Eingang: Nacht und nur Nacht! Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! Und irgendwann fällt mir zu Brechts Brief an die Nachgeborenen noch die Zeile ein: "Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)"

Wir verwöhnten Wohlstandsbürger fühlen uns von Flüchtlingen bedroht, die nicht gegen uns, sondern ums Überleben kämpfen. Tausend Kilometer nördlich liegen meine Landsleute jetzt im warmen Bett, und nicht einer von ihnen hat bislang für die Flüchtlinge auch nur ein Jota seines Besitzstandes abgeben müssen. Um mich herum liegen die Unbehausten hustend im Dreck auf nacktem Boden – ich eine Nacht, sie seit Tagen und für Wochen. Wie lange noch? Lasst die "Mühseligen und Beladenen" zu uns kommen, bevor Seuchen Tote fordern.

Der neue Ostblock

Orbán, der ungarische Türschließer, wird wahrscheinlich gerade in der Vorstandssitzung seiner Partei von Anhängern für seine Härte gegen Flüchtlinge gefeiert. Der österreichische Bundeskanzler, sein sozialdemokratischer Kompagnon, küsst jetzt vielleicht gerade der gnädigen Frau des Herrn Geheimrats die Hand. Die Frau Innenministerin, meine Parteifreundin von der ÖVP, Schwesterpartei der CDU, verlässt gerade die Wiener Staatsoper. Die eine ist so wenig christlich wie der andere sozial: alles Typen aus der Eiszeit. Die Polen kenne ich noch aus Zeiten, in denen es ihr sehnlichster Wunsch war, den Eisernen Vorhang zu durchbrechen, um nach Europa heimzukehren. Jetzt sind sie selbst Teil Europas, sahnen europäische Subventionen ab und sperren Menschen aus, die, wie einst sie selbst, dem Unrecht und der Lebensgefahr zu entrinnen trachten: Diese polnische Regierung besteht aus gottvergessenen Trittbrettfahrern.

Den Stacheldraht, der Mazedonien vor den Flüchtlingen in Idomeni abschirmt, sollen die Österreicher geliefert haben: Draht von hoher Qualität und verlässlicher Stabilität. Europa muss an dieser Grenze offenbar vor den Hunnen geschützt werden. Doch die, die hier um mich lagern und nach drüben wollen, sind bloß 5.000 frierende Kinder und 7.000 hilflose Heimatlose.

Die Nachfahren der alten K.-u.-k.-Monarchie bilden unter Führung von Österreich/Ungarn den neuen Ostblock.

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten.