Es war das Jahr 2000, als Said ibn Salat in das Flüchtlingscamp Kakuma in der Steppe Nordkenias kam. In seiner Heimatstadt Mogadischu in Somalia, die in blutigen Straßenkämpfen zwischen den Warlords versank, hatten ein paar zugedröhnte Soldaten seinen Vater erschossen. Auf der Flucht starb seine Mutter. Er kam aus der Hölle. Dagegen war Kakuma, dieses Loch, ein Platz zum Durchatmen.

Damals waren die Einzigen, vor denen man sich hüten musste in Kakuma, die Sudanesen. Sie machten aus dem für sie errichteten Flüchtlingscamp eine Miniaturversion ihres Heimatlandes, Bürgerkrieg inklusive. Tote gab es in Kakuma regelmäßig: die Kämpfe zwischen den sudanesischen Nuer- und Dinka-Stämmen. Die Malaria, das Denguefieber. Nun aber exportiert das Camp, diese Stadt auf rotbrauner Erde, mit Hütten aus Zweigen und Plastikplanen, den Tod auch in den Rest der Region.

Kakuma, nahe der sudanesischen Grenze gelegen, wurde 1991 gegründet, für Flüchtlinge aus dem sudanesischen Bürgerkrieg. In kenianischen Militärkreisen ist man sich mittlerweile sicher, dass dieses Camp eine neue Basis für den Terror in Kenia und Ostafrika werden soll. Für den Terror der islamistischen Miliz Al-Shabaab. Seit Jahren überzieht Al-Shabaab das Land mit Anschlägen. Bars, Nachtclubs, die Luxus-Shoppingmall Westgate in Nairobi, die Universität von Garissa. Mehr als 400 Menschen starben seit 2011 bei Terroranschlägen durch Al-Shabaab, den afrikanischen Al-Kaida-Verbündeten. Zwei der Attentäter des Anschlages auf die Westgate-Shoppingmall kamen von hier.

Finanziert wird dieser Terror mithilfe des Staates: mit Geld aus dem illegalen Handel zwischen Al-Shabaab und der kenianischen Armee. Ermöglicht wird er durch die Kultur, die Kenias Politik und Wirtschaft prägt: eine Kultur der Korruption.

Said ibn Salat, ein feingliedriger Mann Mitte dreißig, mit einer Stimme so leise und zart, dass sie oft im dichten Stimmengewirr des Camps unterzugehen droht, ist der Vorsteher der somalischen Gemeinschaft in Kakuma. Seit 2012 macht Said diesen Job. Er kümmert sich um Neuankömmlinge, hilft Streit zu schlichten, vertritt die Somalis im Camp gegenüber dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Er ist der Hauptansprechpartner der Polizei und setzt sich für mehr Schulen ein, denn Bildung, so sagt er, sei die beste Waffe im Kampf gegen Extremismus und Elend.

Afrika galt für Al-Kaida schon immer als eine wichtige Front im internationalen Dschihad. Ihre größten Anschläge vor dem 11. September hat die Organisation hier verübt. Dann kam der "Islamische Staat" (IS), er verbrüderte sich mit den Islamisten von Boko Haram – und versucht Fuß zu fassen in Afrika, auch in Kenia. Die Männer und Frauen, die hier den Anwerbern für den Dschihad in die Fänge geraten, sind oft Menschen mit Universitätsabschluss, Leute aus der Mittelschicht. Nicht die Ungebildeten, die sich sonst so oft von den Terroristen angezogen fühlen. Die Strategie des IS kommt bei vielen Kenianern gut an: ein Kalifat, eine eigene Armee, viel Geld, gute Videos. Al-Shabaab steht unter Zugzwang. Um sich gegen ihren Konkurrenten durchzusetzen, braucht die Organisation Geld.

Das Flüchtlingslager Kakuma ist das zweitgrößte Camp des Landes. Fast 200.000 Menschen leben hier, ohne Strom, ohne Wasser. In der Trockenzeit ein staubiger Hochofen, in der Regenzeit ein fiebriges Schlammloch. Niemand, sollte man denken, kommt freiwillig nach Kakuma. Und doch zogen immer mehr Somalis freiwillig hierher, aus einem anderen Flüchtlingscamp – aus Dadaab.

Dadaab liegt ebenfalls in Kenia. 1992 wurde es gegründet, um Flüchtlinge aus Somalia aufzufangen. 350.000 Menschen leben dort, es ist das größte Flüchtlingscamp der Welt. Lange war es das mit Abstand gefährlichste. Kriminelle Banden entführten hier Mitarbeiter der Vereinten Nationen und verkauften sie weiter an Piraten in Somalia. Es war ein Camp, das Besucher nur mit Eskorte betreten konnten. Ein Camp, aus dem die Leute flohen. Nach Kakuma, in das Flüchtlingscamp nahe der sudanesischen Grenze.

Said ibn Salat sitzt in einer der Hütten, die die Somalis hier in Kakuma ihre Verwaltung nennen. Direkt in seiner Nachbarschaft rekrutieren die Terroristen ihren Nachwuchs. Said spricht noch von Einzelfällen, aber die Jugendlichen im Camp erzählen von regelmäßigen Anwerbeversuchen. Durch Al-Shabaab – und durch den IS. Erst vor Kurzem wurden im Camp zwei Kämpfer festgenommen. Männer aus dem Boni Forest, einem Nationalpark an der Grenze zu Somalia, den die Dschihadisten gern als Rückzugsgebiet nutzen. Und auch zwei Saudis seien seit Neuestem im Camp.