Da staunt der Bielefelder, zu Gast in Hamburg, und der Hamburger, auf Besuch in Bielefeld, der wundert sich. Diesen Kirchturm kennt er doch! Wie ist das möglich?

Wie kann es sein, dass zweimal der gleiche Turm, modern, achteckig und spitz behelmt, einer großen gotischen Kirche zur Seite steht? Mitten in einer deutschen Großstadt, als prominenter Teil der Silhouette, der Stadtkrone? Hat da wer abgekupfert? Sich selber plagiiert? Oder wussten die Bauherren am Ende gar nichts voneinander?

Bauherr in, bitte sehr, denn es ist dieselbe: die evangelische Kirche. Es ist dieselbe Bauzeit: Anfang der sechziger Jahre. Und auch das: Es sind dieselben Architekten: Bernhard Hopp (1893 bis 1962) und Rudolf Jäger (1903 bis 1978) aus Hamburg, seit 1930 in einer Bürogemeinschaft vereint.

Umso rätselhafter. Gab es die beiden Türme vielleicht im Doppelpack etwas günstiger? Fiel den beiden Architekten nichts anderes ein? Oder fanden sie den Turm so super, dass sie ihn gleich zweimal bauten, in der Gewissheit, dass Hamburg und Bielefeld nun doch sehr weit auseinanderliegen?

Natürlich gibt es, das versteht sich, viele Bauten, die einander gleichen, die im selben Stil errichtet wurden. Man braucht gar nicht bis in die Antike oder zu den Bauformen des Mittelalters zurückzugehen. Noch der Historismus des 19. Jahrhunderts hat fröhlich die ganze Architekturgeschichte kopiert. So "zitiert", wie man dann vornehm sagt, in Hamburg der Uhrturm der Alten Post den Belfried von Brügge und der Turm der alten Nikolaikirche süddeutsche Münster. Aber dass moderne Architektur, stets um exklusive Originalität bemüht, sich an so markanter Stelle so detailgenau wiederholt, das ist schon ziemlich einzigartig.

Die Geschichte beginnt im Krieg. Am 18. Juni 1944 treffen die Bomben die Häuser neben St. Jacobi in Hamburg; das Feuer springt über, der Turm stürzt ins Kirchenschiff. Zwei Monate später, am 30. September 1944, zerstören alliierte Flieger St. Nicolai in Bielefeld.

In beiden Fällen allerdings tat es den Kennern um die Türme nicht leid. Denn beide waren sie neueren Datums und passten nicht so recht zu den streng gotischen Kirchen. Der Hamburger Turm war ein etwas wunderliches Gebilde aus der Biedermeierzeit (genannt "der Bleistift"), der Bielefelder ein Jahrhundert älter, mit wenig prägnanter barocker Haube. Deshalb stand sowohl für die Jacobiner wie für die Nicoläuse fest: keine Rekonstruktion, eine Neuinterpretation sollte her.