DIE ZEIT: Wieder Karwoche. Wieder überall die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. Können Sie die eigentlich noch hören?

Norbert Hoppermann: Sehr gut sogar. Vielleicht auch deshalb, weil ich sie noch nie dirigiert habe.

ZEIT: Wie kommt’s?

Hoppermann: Respekt vor dem hohen Anspruch. Nur ein Beispiel: Bach hat die Passion für zwei Chöre und zwei Orchester geschrieben – ein Dialog, der sich durch die ganze Handlung zieht. Wenn ich das umsetzen will, muss ich die Gruppen getrennt aufstellen, aber darauf achten, dass sie trotzdem gut zusammenspielen können. Sonst würde ich es gar nicht machen.

ZEIT: Die Matthäus-Passion ist die bekannteste. Ist sie auch Ihre liebste?

Hoppermann: Heute kann ich mich gar nicht mehr entscheiden, aber früher war mir Bachs Johannes-Passion lieber. Die ist kürzer, die packt unglaublich zu, ist aktiv, engagiert.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Hoppermann: Die Handlung wird kaum unterbrochen. Jesus wird die Dornenkrone aufgesetzt, er steht vor Pilatus, das Volk ruft: Kreuzige ihn! Der Gang mit dem Kreuz, die Kreuzigung, das kommt Schlag auf Schlag.

ZEIT: Jemandem, der seine erste Passion hören will, würden Sie also die Johannes-Passion empfehlen?

Hoppermann: Ja. Bei aller Dramatik kann man in ihr seine Position leichter selbst bestimmen. Bei der Matthäus-Passion ist das anders, da steht man immer mitten im Geschehen und muss sich als gläubig und erlösungsbedürftig outen.

ZEIT: Lässt sich Leid gut in Töne umsetzen?

Hoppermann: Leid und Liebe. Das ist der Kern. Die größtmögliche Verschmelzung von Liebe und Hingabe.

ZEIT: Muss man sich Passionen als Zuhörer erarbeiten?

Hoppermann: Wenn man sie sehr gut spielt, nicht. Ein Traum von mir ist, die Matthäus-Passion zum ersten Mal vor lauter Menschen zu spielen, die sie noch nie gehört haben.

ZEIT: Warum?

Hoppermann: Nur so kann man die Geschichte neu schreiben. Einmal Löschtaste drücken und dann eintauchen.

ZEIT: Es gibt ja mehr als die Matthäus- und die Johannes-Passion. In St. Johannis wird Golgotha von Frank Martin aufgeführt und in St. Katharinen Ernst Peppings Passionsbericht. Auch tolle Werke?

Hoppermann: Absolut! Beide Stücke sind wie die Matthäus-Passion doppelchörig, Pepping arbeitet auch noch ganz ohne Orchester. Den Sängern wird sehr viel abverlangt, wenn sie das gut machen, schaffen sie einen grandiosen Klang.

ZEIT: Sind Passionen die Königsdisziplin der Kirchenmusik?

Hoppermann: Ja. Weil sie Menschen dort packen, wo das Leben am intensivsten ist. Der Tod, das politische Unrecht, Scheitern, Verlust, Schmerz, auch zu Unrecht zugefügter Schmerz, diese Themen sind natürlich stark. Das muss aber nicht heißen, dass die Musik automatisch leichtes Spiel hat. Nehmen Sie das allgemeine Totengedenken im November. Da wird in der Musik leicht ein süßer Teppich über das gekehrt, was Trauer wirklich bedeutet. Furchtbar.

ZEIT: Bei Passionen sind die Kirchen in der Stadt oft voll. Warum gehen die Hamburger lieber in Kirchenmusikkonzerte als in die Kirche?

Hoppermann: Wahrscheinlich weil es dabei gelingt, Menschen ganz zu erreichen.

ZEIT: Geht das leichter mit Musik als mit Predigten?

Hoppermann: Es gibt den berühmten Satz von Augustinus: "Wer singt, betet doppelt." Der bejaht das. Wer im Singen betet, hat keine Multitasking-Kanäle mehr offen. Die Passionen sind das, was Wagner als "Gesamtkunstwerk" im Visier hatte, aber in einem nicht fiktiven, authentischen Sinn. Die Kreuzigung Christi ist historisch und geht ins Herz.

ZEIT: Auch bei Atheisten?

Hoppermann: Sagen wir es so: Mit einem Atheisten würde ich als Christ kein gemeinsames Happening zum Thema Auferstehung machen. Aber sterben werden wir alle, das betrifft jeden.

ZEIT: Ärgern Sie sich als Katholik, dass die protestantische Kirchenmusik an diesen Tagen so dominiert?

Hoppermann: Nein, gar nicht.

ZEIT: Wirklich völlig egal?

Hoppermann: Ja. Die Passionserzählung kann man nicht konfessionell getrennt denken.

ZEIT: Warum ist die Passionsmusik in Deutschland so protestantisch geprägt?

Hoppermann: Die meisten katholischen Passionen sind lateinisch oder italienisch, da geht etwas verloren. Und in der katholischen Liturgie an Karfreitag gibt es keine Chöre und Instrumente. Da müssen wir uns andere Sachen ausdenken.

ZEIT: Nach Karfreitag kommt Ostern. Da gibt es auch ein Oratorium von Bach. Warum kennt das kaum jemand?

Hoppermann: Das Osteroratorium ist nur eine kurze Kantate, und am Ostersonntag will man doch auch zu Hause Eier suchen oder in die Sonne fahren.

"Johannes-Passion": Hauptkirche St. Michaelis, Englische Planke 1 und St. Petri, Bei der Petrikirche 2, jeweils 25. März, 18 Uhr

"Matthäus-Passion": Hauptkirche St. Nikolai, Harvestehuder Weg 118, 25. März, 17 Uhr 

"Passionsbericht": Hauptkirche St. Katharinen, Katharinenkirchhof 1, 25. März, 18 Uhr