Der Reflex ist verständlich: Schon wieder Köln, schon wieder Krawalle, und schon wieder, so heißt es, hat die Polizei versagt. Ein Vierteljahr nach den Silvesterübergriffen auf der Domplatte waren es diesmal Abi-Streiche, die den Leuten Angst machten. Schüler rivalisierender Gymnasien posteten Videos, in denen sie vermummt wie die IS-Krieger auftraten. Dann trafen sie sich zum Showdown. Farbbeutel flogen, zwei Schüler wurden schwer verletzt. Als die Polizei schließlich eingriff, stellte sie selbst gebastelte Stichwaffen und einen "speerähnlichen" Stock sicher.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Man kann sagen, dass Abi-Scherze naturgemäß Grenzen testen und oft auch überschreiten. Und dass es schon ein bisschen seltsam wäre, wenn die heutigen Gymnasiasten immer noch, wie zu Feuerzangenbowlen-Zeiten, mit feuchten Papierkügelchen aufeinander würfen. Oder aber man sagt: Du lieber Gott, die Welt ist wirklich aus den Fugen geraten, wenn wir nicht einmal mehr vor den Schülern des vortrefflichen Humboldt-Gymnasiums sicher sind!

In diesem Fall, so scheint es, ist Letzteres passiert. Das Gefühl einer existenziellen Bedrohung ist inzwischen derartig allgegenwärtig, dass selbst ein missratener Abi-Scherz als Omen empfunden wird. Bundesweite Berichterstattung, Hasskommentare im Netz, und die Kölner Polizei ruft eine weitere Ermittlungskommission ins Leben, obwohl sie doch eigentlich noch die Silvestervorfälle aufklären soll.

Politiker und Philologenverbände beziehen Stellung. Eine Kulturwissenschaftlerin sagt, die Abi-Streiche seien womöglich auch deshalb eskaliert, weil man in Köln "sehr viele Gymnasien auf engem Raum zusammen" habe. Nun hat man zuletzt so einiges über den Zusammenhang von Städtebau und Gewalt erfahren – man denke nur an die Pariser Vororte als Brutstätte des islamistischen Terrors. Aber dass auch eine hohe Gymnasiendichte zur Zeitbombe werden kann, ist ein neuer Gedanke.

Oder die Leiterin der Kölner Schulabteilung, die meint, betonen zu müssen, dass die in den Schulen vermittelten Werte in keinem Zusammenhang zu den Taten stünden. Wahrscheinlich möchte sie damit einer Ausweitung der Koran-Debatte auf den Gymnasialunterricht zuvorkommen. Bloß kein Magazin-Cover mit einem schwer bewaffneten Alexander von Humboldt und dazu die Schlagzeile: "Wie viel Gewalt steckt im Lehrplan?"

Schließlich der Landeschef der Polizeigewerkschaft, dessen Stellungnahme so klingt, als habe er sich per copy and paste bei den Presseerklärungen zur Silvesternacht bedient. Die "gesamte Härte des Rechtsstaates" wolle man die Täter spüren lassen, sagt er, und dass man die "Eskalation in der Spirale von Gewalt und Verrohung" nicht länger hinnehmen könne. Erwägenswert sei außerdem, den "Rädelsführern" die Prüfungszulassung zum Abitur zu entziehen.

Man spürt, wie hier eine neue Angstfantasie aufblüht: Der gewaltbereite Abiturient zieht marodierend durch die Kölner Innenstadt, die wegen ihrer Gymnasiendichte zum rechtsfreien Raum verkommt. Konsequenterweise sollte man die Abiturienten jetzt dazu anhalten, sich zum deutschen Grundgesetz zu bekennen. Tun sie das nicht, werden sie abgeschoben. Und für jeden Kölner Abiturienten darf dann ein syrischer Flüchtling auf legalem Weg nach Europa einreisen.