"Wissen Sie", sagt Kowalski im Auto vor dem Haus, "ich verstehe, dass die Leute skeptisch sind. Aber hätte ich vor 200 Jahren jemandem erzählt, dass ich Leben retten kann, indem ich auf einen Brustkorb drücke und jemandem Luft in die Lungen puste, hätte man mich für verrückt erklärt. Wenn damals ein Herz stillstand, war der Mensch tot. Heute wissen wir es besser."

Mit dem wissenschaftlichen Fortschritt hat sich auch die Definition des Todes verschoben. Als die Medizin in den 1960er Jahren versteht, dass Menschen mit Herz-Lungen-Maschinen künstlich am Leben gehalten werden können, erklärt man den Hirntod zum definitiven Schlusspunkt. Auch diese Vorstellung wird überholt. Spätestens an jenem Wintertag 1999, an dem die junge Ärztin Anna Bågenholm im wilden Norden Norwegens, weit weg vom nächstgelegenen Krankenhaus, mit Skiern einen Hang hinunterfährt. Bågenholm rutscht an einer vereisten Felskante ab und stürzt kopfüber in einen zugefrorenen Fluss. Sie wird von der Strömung unter die Eisdecke gezogen. In einer Luftblase kann sie weiteratmen, aber sie kann sich nicht befreien. 40 Minuten lang kämpft sie, strampelt mit den Beinen, dann erschlafft ihr Körper. Zwei hilflose Kollegen können nichts als zusehen – und einen Notruf absetzen.

Als der Rettungshubschrauber eintrifft, ist Bågenholm nach allen bekannten Kriterien tot. Körpertemperatur: 13,7 Grad. Herzschlag: keiner. Atmung: keine. Hirnaktivität: keine. Dennoch versuchen Ärzte, sie zu reanimieren. Die Ärzte wärmen ihren Körper auf, und nach fast drei Stunden beginnt Bågenholms Herz wieder zu schlagen, das Gehirn arbeitet wieder. Die Kälte hatte sie nach geltender Definition getötet, ihren Körper aber gleichzeitig so konserviert, dass sie heute lebt, ohne bleibende Schäden.

Also war sie vielleicht gar nicht tot.

Anna Bågenholms Unfall hat es in die medizinische Fachliteratur geschafft. Und er hat die Forschung vorangetrieben. Im Krankenhaus der amerikanischen Universität Yale nutzen Ärzte seit einigen Jahren den Mechanismus, der Bågenholm überleben ließ. Sie kühlen Patienten während bestimmter Operationen, etwa am Herzen oder am Hirn, auf 18 Grad Celsius Körpertemperatur herunter. Die Patienten sind dann ohne Herzschlag und Hirnwellen. Nach der Operation werden sie langsam aufgewärmt, das Herz fängt wieder an zu schlagen, die Neuronen feuern wieder. An der Harvard Medical School wird eine ähnliche Methode angewendet.

"Wann ist jemand wirklich tot?", fragt Dennis Kowalski. "Ich denke, in dieser Frage ist das letzte Wort noch nicht gesprochen."

11.25 Uhr, noch eine Stunde. Kowalski steigt aus seinem Wagen. Er öffnet den Kofferraum, hievt mit der Hilfe von zwei Bestattern die blau-weißen, mit Eis gefüllten Kühlboxen auf eine Sackkarre und rollt sie ins Haus.

Aaron Winborn ist 43 und ein erfolgreicher Programmierer, als die Ärzte 2011 bei ihm ALS diagnostizieren. Sie sagen ihm, dass seine Muskeln ihren Dienst verweigern werden, erst die Finger, dann die Arme, die Beine, die Stimmbänder, am Ende die Lunge. Sie sagen ihm, dass er in seinem Körper eingeschlossen sein wird, ein wacher, kluger Geist in einer leblosen Hülle. Dass ihm noch zwei, vielleicht drei Jahre bleiben. Mehr nicht.

Winborn schreibt in sein Blog: "Ich bin wütend auf diese Krankheit. Bei dem Gedanken, dass meine jüngste Tochter vielleicht keine Erinnerung an mich haben wird, muss ich weinen." Sabina ist damals zehn Monate alt. Die ältere Tochter, Ashlin, sieben Jahre. Winborn hat Pläne. Er ist nicht bereit für den Tod – und beginnt zu kämpfen.

Als seine Finger zu schwach sind zum Tippen, installiert er eine Spracherkennungssoftware.

Als er nicht mehr laufen kann, kauft die Familie einen Rollstuhl.

Als er nicht mehr schlucken kann, lässt er sich eine Magensonde legen.

Dann lässt seine Stimme nach. Er spricht Sätze in ein Mikrofon – Good night, Ashlin und I love you, Sabina. Seine Töchter sollen ihn immer hören können.

Als die Stimmbänder ganz versagen, wird ein Computer namens Tobii sein Fenster zur Welt. Winborn steuert ihn dank Lasertechnik mit den Augen.

Er bloggt: "Ich hoffe, mein Leben wird ein Beispiel für die Widerstandskraft des menschlichen Geistes sein."

Dann, im August 2014, versagen seine Lungen. An diesem Punkt entscheiden sich die meisten ALS-Patienten für den Tod. Winborn wählt die Tracheotomie: Luftröhrenschnitt. Eine Maschine beatmet ihn jetzt. Er erkauft sich ein paar Monate, vielleicht ein Jahr.

Zur selben Zeit macht eine Aktion namens Ice Bucket Challenge auf seine Krankheit aufmerksam: Prominente schütten sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf. Bill Gates macht mit, Lady Gaga, Oliver Pocher. Millionen werden für die ALS-Forschung gespendet. Experten sagen, das könnte helfen, irgendwann ein Heilmittel zu finden. Für Winborn zu spät.

Vielleicht auch nicht, denkt er. Vielleicht kann auch er davon profitieren. In der Zukunft. Sein Körper muss es nur dorthin schaffen, damit er das Medikament bekommen kann. Winborn schreibt eine E-Mail an das Cryonics Institute.

Kryoniker gehen eine Wette ein. Niemand stirbt einfach so. Man stirbt an Krebs, an einem Schlaganfall, Winborn an ALS. All das, sagen die Kryoniker, könnte irgendwann heilbar sein.

Wenn sie ihre Wette gewinnen, leben sie weiter. Dann bevölkern sie die Zukunft wie Residuen der Geschichte, Relikte einer vergangenen Zeit. Wenn sie verlieren, bleiben sie tot. Die meisten, auch Winborn, sind Realisten, sie sagen: Wahrscheinlich wird es nicht klappen. Aber die kleinste Chance ist besser als keine. Warum es also nicht probieren?