Kowalski sagt: "Wir haben nichts zu verlieren und ein Leben zu gewinnen."

Vier Monate vor seinem Tod, Anfang Dezember 2014, sitzt Aaron Winborn im Wohnzimmer seines Hauses. Sein Atemgerät fiept und blubbert, ein Pfleger hat den Rollstuhl vor das Fenster geschoben, der Blick geht in den Garten. Letzte Woche sah Winborn hier, wie seine Töchter, mittlerweile vier und elf Jahre alt, aus dem ersten Schnee Bälle formten. Er findet, für solche Momente lohnt sich der Kampf.

Winborn will über Kryonik sprechen. Oder genauer: schreiben. Wer ihn interviewen will, muss sich neben seinen Rollstuhl stellen und Fragen in eine Tastatur tippen. Sie erscheinen dann vor ihm auf einem Bildschirm. Winborn registriert zwar noch Geräusche, versteht aber schon keine Sprachlaute mehr. Die Krankheit hat ihm vieles genommen; auch sein Gehör.

Zum Antworten navigiert er den Cursor mit den Augen. Buchstabe für Buchstabe baut er Wörter. Bis zu 20 die Minute. Die Software speichert häufig benutzte Wörter. Freedom steht direkt neben freeze. Die Freiheit und das Einfrieren, für Aaron Winborn gehören sie zusammen.

Er schreibt: "Ich weiß, die Chance ist gering. Trotzdem vergeht kein Tag, an dem ich nicht über die Zukunft fantasiere. Das spendet mir Trost."

Dann bricht er ab. Seine Augenlider sind zugefallen. Ein Pfleger muss sie ihm wieder öffnen, aus eigener Kraft kann er das nicht mehr.

Er schreibt: "Vielleicht werde ich irgendwann in den Methanmeeren des Neptun schwimmen. Ich wollte immer Astronaut werden. Ich würde gern ein Raumschiff fliegen. Aber vor allem will ich wieder Musik hören. Dass ich selbst nicht mehr Klavier spielen kann, verkrafte ich. Aber wenn meine Tochter Ashlin Für Elise spielt, und bei mir kommt nur Rauschen an, halte ich das nicht aus. Ich kann nicht mal daran denken, ohne zu weinen."

Seine Augen füllen sich mit Tränen. Der Pfleger muss sie ihm wegwischen, damit Winborn weiterschreiben kann. "Was immer die Zukunft bringt, ich will Teil davon sein."

Winborn hat in den USA gelebt, in den Niederlanden, in einer Kommune in London, in einem buddhistischen Kloster. Er war Lehrer und Puppenspieler, leitete einen Flugsimulator, ist Programmierer. Er hat ein Buch geschrieben und viele Bücher gelesen – und er hat noch nicht genug. Er lebt zu gern.

Gwen, Winborns Frau, ist dagegen, dass er sich einfrieren lässt. Sie will nicht, dass ihre Töchter mit einer ihrer Meinung nach falschen Vorstellung vom Tod aufwachsen. Aber sie akzeptiert seinen Wunsch.

Sie akzeptiert, dass Dennis Kowalski dabei sein wird, wenn ihr Mann stirbt.

Dass sie kaum Zeit für den Abschied haben wird.

Dass ihr Mann seine letzte – oder vorletzte – Ruhe nicht in einem Grab auf einem Friedhof finden wird, an dem sie Blumen niederlegen kann, sondern in einem großen weißen Behälter, der aussieht wie eine gigantische Thermoskanne.

Sie akzeptiert auch, dass ein Reporter der ZEIT dabei sein wird, obwohl sie das nicht will.

Um kurz nach zwölf spritzt der Arzt Aaron Winborn Beruhigungsmittel, die ihn einschlafen lassen. Dazu Heparin als Gerinnungshemmer. Und Morphium. Er soll nichts merken. Im Nachbarraum legt Dennis Kowalski einen weißen Stahlsarg mit Eiswürfeln aus. Der Arzt stellt das Atemgerät ab. Um 12.31 Uhr hört Aaron Winborns Herz auf zu schlagen.

Der Arzt unterschreibt den Totenschein. Er kreuzt nicht "Begräbnis" an, nicht "Verbrennung", sondern "Sonstiges". Dahinter schreibt er, falsch, cryopservation. Für ihn ist es das erste Mal, dass einer seiner Patienten sich einfrieren lässt. Richtig heißt es cryopreservation. Kryos ist Altgriechisch für "Eis".

Die Familie verlässt weinend das Haus. Kowalski rollt den Sarg neben Winborns Bett. Die zwei Bestatter, die bisher draußen gewartet hatten, helfen ihm, die Leiche hineinzulegen. Dann füllt Kowalski den Sarg mit Eis auf. Das fachmännische Einfrieren ist zu kompliziert, um es gleich an Ort und Stelle zu erledigen. Ein menschlicher Körper ist voller Blut und Gewebeflüssigkeit. Fröre man ihn einfach so ein, entstünden scharfkantige Eiskristalle, die Zellen und Adern zerschnitten und irreparablen Schaden anrichteten. Wie im Winter Rohre bersten, wenn das Wasser gefriert.

Deswegen muss Kowalski den toten Winborn so schnell wie möglich zum Cryonics Institute bringen, etwa 500 Meilen nördlich. Dort wartet ein Operationsteam. Es wird das Blut und die Flüssigkeit in Winborns Körper durch eine Art Frostschutzmittel ersetzen und dann die Leiche einfrieren.

Kowalski ist in Eile. Winborn ist seit einigen Minuten tot, erste Zellen seines Körpers sind zerfallen, und mit jeder weiteren Minute ohne Sauerstoff zerfallen einige mehr. Alles, was jetzt kaputtgeht, muss in der Zukunft von Ärzten repariert werden, sagt Kowalski. Er will den Schaden so gering wie möglich halten.

Mit der Routine des Sanitäters installiert er eine hydraulische Herzkompressionsmaschine über dem Sarg. Rhythmisch zischend beginnt sie auf Winborns Brust zu pressen. Kowalski setzt eine Beatmungsmaske auf Winborns Luftröhrenausgang am Hals und sagt zu einem der Bestatter: "Fest zudrücken. Dann strömt Sauerstoff in seine Lungen."

Der fragt irritiert: "Warum reanimieren wir ihn?"

"Wir halten seine Zellen am Leben. Wir wollen nicht, dass sie absterben."

"Kann es nicht passieren, dass er wieder aufwacht?"

"Nein. Dafür sorgen die Medikamente."

Der Bestatter hat Tausende Menschen unter die Erde gebracht. Aber noch keinen in Eis konserviert.

Es dauert keine fünf Minuten, da bekommt Winborns Gesicht, bisher aschfahl, wieder Farbe. Kowalski sagt: "Exzellent. Der Gasaustausch in seinen Zellen funktioniert." Der Bestatter fragt: "Aber das heißt doch, dass er lebt, oder?"

Ist Winborn tot oder nicht? Juristisch gesehen: ja. Der Arzt hat den Totenschein unterschrieben. Biologisch? Kommt drauf an. Es gibt kaum einen Unterschied zwischen Winborns Körper zehn Minuten vor der Unterschrift des Arztes und zehn Minuten danach. Das Herz pumpt Blut durch den Körper, wenn auch mit Hilfe von außen. Die Zellen bekommen Sauerstoff.

Bis die Ärzte der Zukunft ein Heilmittel für Aaron Winborn gefunden haben, soll möglichst jede Zelle, jedes Molekül, jedes Atom in Winborns Körper genau dort bleiben, wo sie sind. Die Verwesung, der körperliche Zerfall, muss aufgehalten werden. Das geht nur mit Kälte. Ist es kalt genug, kommen alle chemischen Prozesse im Körper zum Erliegen. Zellen sterben nicht. Moleküle zerfallen nicht. Die Adern bleiben intakt, sodass sie auch in Zukunft Blut durch den Körper transportieren können. Vor allem aber sollen all die vielen Milliarden Neuronen in seinem Gehirn genau so erhalten bleiben, wie sie sind. Denn dort, so die Vermutung, steckt Winborns Persönlichkeit. Seine Liebe für Beethoven. Die Erinnerung daran, wie seine Töchter vor dem Haus Schneebälle formten, und daran, wie sie ihn als Pirat verkleideten, mit Augenklappe und Kopftuch. Sein Rollstuhl war das Schiff.

Bleibt die physische Struktur seines Hirns erhalten, wird er vielleicht später einmal auf diese Erinnerungen zurückgreifen können. Auf sein Ich.