Kälte also. Kowalski rechnet: Jede Sekunde bei Raumtemperatur entspricht einer Minute im Kühlschrank, einer Stunde im Gefrierschrank, ein paar Monaten in Trockeneis oder zehntausend Jahren in flüssigem Stickstoff. Das ist das Ziel. Die Temperatur von flüssigem Stickstoff. Minus 196 Grad. Den Stickstoff gibt es im Cryonics Institute in Detroit. Aber noch ist Winborns Körper nicht kalt genug, um die lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen.

Alle paar Minuten misst Kowalski Winborns Temperatur. 36,6 Grad – 30,6 – 23,9 – 17,2. Zum ersten Mal an diesem Tag löst sich Kowalskis Anspannung. Er sagt: "Das wird eine der besten Kryopräservationen der Geschichte." Die Bedingungen sind nahezu ideal, weil er sofort nach dem Tod mit der Kühlung angefangen hat. Was, wenn er erst hätte anreisen müssen? Was, wenn jemand beim Wandern stirbt? Allein auf einem Berg, ohne dass es auffällt? Oder in der Wüste?

Wenn ein Körper länger als 24 Stunden ungekühlt gelegen hat, sagt Kowalski, ist das Einfrieren sinnlos. Die Verwesung hat schon zu großen Schaden angerichtet. Die Zeit ist auf der Seite des Todes.

Als das Thermometer 15 Grad zeigt, sagt "Okay, los geht’s." Die Bestatter helfen ihm, den Sarg aus dem Haus und ins Auto zu schieben. Um 15.03 Uhr biegt Kowalski auf die Interstate 76 ein. Sein Handy zeigt: 502 Meilen bis zum Ziel. 7 Stunden und 19 Minuten. Zeit für ein Gespräch.

DIE ZEIT: Herr Kowalski, glauben Sie ernsthaft, man kann Aaron Winborn, der jetzt dahinten im Eis liegt, einfach wieder auftauen?

Dennis Kowalski: Sehen Sie sich den Fortschritt in der Medizin an. Wir wissen es auch nicht, aber wir wollen es wenigstens probieren.

ZEIT: Einige Leute sagen: Zeigt mir, dass es funktioniert. Dann mache ich da auch mit.

Kowalski: Aber dann wäre es nicht mehr nötig, mitzumachen. Wenn wir das Altern und die Krankheiten schon heilen könnten, müssten wir niemanden mehr einfrieren, um ihn in die Zukunft zu bringen. Dann wäre die Zukunft heute. Mir wäre es am liebsten, wenn ich nicht eingefroren werden müsste.

ZEIT: Mal vorausgesetzt, es funktioniert und man kann Aaron Winborn eines Tages wieder aufwecken. Wäre er dann wirklich derselbe? Mit seiner Persönlichkeit, seinen Erinnerungen und Macken?

Kowalski: Wir nehmen an, dass das, was Sie Persönlichkeit nennen – ich sage lieber mind –, in der Struktur des Gehirns liegt. Amputiert man einem Menschen ein Bein, bleibt er er selbst. Implantiert man ihm ein Herz, genauso. Alles deutet auf das Hirn hin. Wir glauben, dass die Persönlichkeit überdauert, wenn es uns gelingt, das Gehirn zu konservieren.

ZEIT: Das Ich eines Menschen bestünde dann nur aus ein paar richtig angeordneten Molekülen.

Kowalski: Vielleicht ist es wie mit der Musik. Unsere Persönlichkeit ist ein Lied. Unser Hirn die Schallplatte. Unser Körper der Plattenspieler. Wenn wir die Schallplatte und den Plattenspieler aufbewahren, auch wenn es nur verkratztes Vinyl und Plastik ist, können wir das Lied hören.

ZEIT: Wann wird man Ihrer Meinung nach eingefrorene Menschen wiederbeleben können?

Kowalski: In Aarons Fall, wenn man drei Dinge heilen kann: ALS. Die Frostschäden, die sein Körper beim Einfrieren erleiden wird. Und das Altern.

ZEIT: Das Altern?

Kowalski: Wir haben kürzlich einen 93-Jährigen eingefroren. Er will nicht mit seinem alten, schwachen Körper aufwachen, sondern mit einem jungen, gesunden. Die Wiederbelebung hat ja keinen Sinn, wenn das Alter einen danach wieder tötet.

ZEIT: Wie stellen Sie sich das vor?

Kowalski: Das Altern ist nichts anderes als ein chemischer Vorgang. Den muss man verstehen und aufhalten; oder umkehren. Ich stelle mir das vor wie bei einem Diamanten und einem Klumpen Kohle. Beides besteht aus den gleichen Bausteinen, aus Kohlenstoffatomen. Sie sind nur anders angeordnet. Genauso ist es bei einer jungen und einer alten Zelle, einer gesunden und einer kranken. Wir müssen die Atome in die richtige Ordnung bringen. Das wird nicht in zwei, aber vielleicht in 20 oder 200 Jahren gelingen. Wahrscheinlich mithilfe der Nanotechnologie, mit winzigen Maschinen, die gezielt DNA reparieren.

ZEIT: Sie wissen, wie weit hergeholt das klingt?

Kowalski: Kurz bevor die Wright-Brüder zum ersten Mal abhoben, hieß es: Das Fliegen kriegt die Menschheit niemals hin. Einer meiner Lieblingssätze stammt von Arthur C. Clarke: "Jede Technologie, die fortschrittlich genug ist, ist nicht zu unterscheiden von Magie." Meine Kollegen bei der Feuerwehr machen sich über mich lustig. Sie nennen mich Dr. Freeze. Aber ich habe ein dickes Fell.

Die Kryonik ist seit jeher beides – Stoff für Träume und für Spott. Journalisten stellen Kryoniker oft als Verrückte dar, als Spinner. Spricht man deutsche Wissenschaftler auf das Thema an, Biologen, Mediziner und Alternsforscher, sagen einige: Das ist spannend, einiges sogar plausibel, aber zitieren Sie mich damit bloß nicht. Die Forscher haben Angst, ihre Seriosität, ihren wissenschaftlichen Ruf zu gefährden, wenn sie sich öffentlich dazu äußern. Wissenschaftler halten sich gern an Fakten. In der Kryonik gibt es die kaum. Es dominieren Spekulationen und Hoffnungen. Dass es funktioniert, lässt sich nicht beweisen. Andererseits: Auch dass es nicht funktioniert, lässt sich nicht beweisen. Fragt man: "Können Sie ausschließen, dass es funktioniert?", hört man nie ein "Ja", sondern immer ein "Nein, aber". Ihre Skepsis begründen die Forscher mit der Komplexität der zu lösenden Probleme.

Einer der Wissenschaftler, die sich trauen, in diesem Artikel mit Namen zu erscheinen, ist der Kölner Alternsforscher Björn Schumacher. Allein der Wunsch, das Altern zu stoppen, sei hyperkomplex, sagt er. Jeden Tag fänden im menschlichen Körper Zehntausende chemische Prozesse statt, die dazu führten, dass Zellen sterben und der Mensch altert. Um das zu stoppen, müssten die Zellen laufend, quasi in Echtzeit, repariert werden. Denkbar sei das, aber sehr, sehr unwahrscheinlich, sagt Schumacher.

Im kleinen Bereich zwischen "denkbar" und "sehr, sehr unwahrscheinlich" finden Kryonik-Anhänger ihre Hoffnung. Sie wird genährt von einigen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Durchbrüchen.

Beispielsweise ist es Forschern bereits 2007 gelungen, mit Genveränderungen die Lebenserwartung von Fadenwürmern zu verdoppeln. Bei Mäusen konnten sie die Lebenszeit um 23 Prozent steigern. Warum soll, was beim Fadenwurm geht, nicht auch beim Menschen funktionieren? Warum sollen nur 23 Prozent möglich sein und nicht hundert, zweihundert, tausend?