Die Fahrt geht durch Pennsylvania, Tempolimit 70 Meilen die Stunde. Kowalski fährt schneller. Die Nachmittagssonne bricht durch die Wolken.

Es gibt zwei Kryonik-Anbieter in den USA: Kowalskis Cryonics Institute in Detroit und Alcor in Phoenix. Insgesamt 280 Menschen sind dort eingefroren, vor allem Amerikaner, aber auch Deutsche, Briten, Franzosen, Kanadier. Etwa 2.500 Menschen weltweit haben einen Vertrag abgeschlossen. Die Kryoniker sind eine kleine, wachsende Gruppe: mehr Männer als Frauen; überdurchschnittlich gebildet; viele Naturwissenschaftler; viele Atheisten und Agnostiker, aber – und das ist überraschend – auch einige sehr religiöse Menschen. Andy Zawacki, Teil des Operationsteams, das im Cryonics Institute auf Aaron Winborn wartet, ist katholisch und geht jeden Sonntag in die Kirche. Einer seiner Kollegen ist orthodoxer Jude. Beide sagen, Kryonik widerspreche ihrer Religion nicht. Kryonik sei für sie nichts anderes als Medizin. Die Zuständigkeit der Religion beginne erst nach dem Tod, dem wirklichen Tod.

Die Kryoniker eint das Gefühl, das Leben sei ungerecht kurz. Wie ein Besuch in einer Bibliothek, die einem entgegenschreit: Sieh, all diese Bücher sind interessant, aber du hast keine Zeit, sie zu lesen!

Es gibt dieses Gefühl. Und es gibt die Hoffnung. Die Operationen in Yale und Harvard. Die Fadenwürmer, die Mäuse. Und den Waldfrosch, Rana sylvatica.

Der Waldfrosch ist acht Zentimeter lang und lebt in bitterkalten Gegenden Kanadas und Alaskas. Im Winter friert er ein. Sein Herz stoppt, seine Atmung auch. Nach ein paar Wochen taut er auf und lebt weiter. Stoffe im Blut schützen ihn vor Frostschäden. Wissenschaftler wollen diesen Prozess kopieren.

Dann ist da noch das winzig kleine antarktische Bärtierchen, Acutuncus antarcticus. Vor Kurzem berichteten Forscher in der Fachzeitschrift Cryobiology über eine spektakuläre Auferstehung, die sie in ihrem Labor in Japan beobachtet hatten: Die Wissenschaftler hatten Moos aufgetaut, das Kollegen im Jahr 1983 aus der Antarktis mitgebracht hatten. Drei Jahrzehnte war es bei minus 20 Grad gelagert gewesen, und trotzdem krabbelten zwei Bärtierchen los. Eines starb. Das andere fraß – und legte sogar drei Eier.

Dem amerikanischen Kryobiologen Greg Fahy gelang es schon 2002, eine Hasenniere einzufrieren, sie eine Woche in flüssigem Stickstoff zu lagern, aufzutauen und einem lebenden Hasen zu implantieren. Zum Vergleich: Menschliche Nieren werden vor einer Transplantation maximal 48 Stunden gelagert, bei nicht annähernd so niedrigen Temperaturen.

Fahy ist es außerdem gelungen, eine anderthalb Millimeter dünne Scheibe aus einem Rattenhirn einzufrieren und nach dem Auftauen elektrische Aktivität nachzuweisen.

Warum soll, was mit einer Hasenniere geht, nicht auch mit dem menschlichen Körper möglich sein? Werden nicht jetzt schon Embryonen im frühen Stadium, Spermien und Eizellen eingefroren? Kryoniker sagen: Das Prinzip ist bewiesen, jetzt muss man es nur noch auf die Komplexität eines menschlichen Körpers übertragen. Nur noch. Womöglich wird das Jahrhunderte dauern. Wenn es überhaupt geht. Aber einmal eingefroren, haben Patienten wie Aaron Winborn alle Zeit der Welt.

In den USA fließen bereits Millionensummen in die Kryo-Forschung. Auch aus dem Silicon Valley. Nirgendwo ist der Gedanke heimischer, dass jedes Problem gelöst werden kann. Und sei es der Tod. Der bekannteste Kryonik-Förderer dort ist Peter Thiel, Milliardär, Mitgründer von PayPal und erster Investor bei Facebook. Sein Fonds, Breakout Labs, finanziert Kryonik-Start-ups.

Dennis Kowalski fährt vorbei an Pittsburgh und hinein nach Ohio. Eine Baustelle hat ihn zehn Minuten gekostet. Pause, Toilette, Cheeseburger auf die Hand, dann weiter. Um 18.37 Uhr sind es noch 330 Meilen und fünf Stunden. Die Sonne steht tief. Winborns Körper hat acht Grad.

ZEIT: Einige Menschen fragen: Warum länger leben? Ein erfülltes Leben reicht doch.

Kowalski: Ich denke, alle, die das sagen, machen einen Denkfehler. Sie glauben, ich werde irgendwann 80 sein, und mein Körper ist dann alt und krank. Unsere Prämisse ist aber ein dauerhaft junger und gesunder Körper. Und wenn Sie einen gesunden Menschen fragen: "Willst du morgen noch leben?", wird er sagen: "Ja, natürlich!"

ZEIT: Aber mal angenommen, es klappt – wäre so ein Leben in der Zukunft nicht sehr einsam, ohne Freunde und Familie?

Kowalski: Meine Frau und meine drei Söhne sind auch Kryoniker. Aber selbst wenn das nicht so wäre: Stellen Sie sich vor, Sie fliegen mit all Ihren Lieben in einem Flugzeug und es stürzt ab. Sie sind der einzige Überlebende. Würden Sie sich danach umbringen? Oder würden Sie bei aller Trauer das Beste daraus machen?

ZEIT: Man fände sich doch gar nicht zurecht.

Kowalski: Kann sein, dass man sich erst mal fühlen würde wie ein Höhlenbewohner. Aber der Mensch ist anpassungsfähig. Vielleicht gibt es dann ja eine Maschine, mit der man zehn Jahre in zehn Minuten lernen kann. Es wird ein Abenteuer.

ZEIT: Nicht auszudenken, was das für eine Welt wäre, in der niemand mehr altert. Die Erde wäre schnell übervölkert.

Kowalski: Wenn wir alle Probleme gelöst haben, die wir lösen müssen, um dahin zu kommen, ist uns bestimmt auch etwas gegen die Überbevölkerung eingefallen. Vielleicht kolonisieren wir dann andere Planeten.

ZEIT: Eine Welt ohne Tod?

Kowalski: Es wird ja weiter Unfälle geben und Kriege. Ich benutze den Begriff "informationstheoretischer Tod". Wenn so viel Information im Gehirn zerstört ist, dass man die Persönlichkeit nicht mehr wiederherstellen kann, ist man tot. Wenn ein Zug Sie überrollt, kann Ihnen die beste Medizin nicht helfen.

ZEIT: Wir würden alle viel länger leben.

Kowalski: Die Medizin hat das Leben immer verlängert. Früher starben die Menschen mit 30. Jetzt werden wir im Westen über 80. Warum sollte das das natürliche Ende sein?

ZEIT: Gibt es für Sie gar keine ethisch begründeten Einwände gegen die Kryonik?

Kowalski: Genauso könnten Sie mich fragen: Gibt es ethische Bedenken bei einem künstlichen Hüftgelenk oder einem implantierten Herzen?

ZEIT: Einige Menschen fürchten, Kryonik sei Geldmacherei. Ein Geschäft mit der Hoffnung.

Kowalski: Zeigen Sie mir einen, der daran verdient. Ich bekomme keinen Cent vom CI. Heute Nacht schlafe ich mal wieder auf der Couch im Konferenzraum, um dem Institut ein bisschen Geld zu sparen. Wenn Sie die Finanzen interessieren, es steht alles auf unserer Website. Wir sind non-profit und weisen alles aus.

Einmalig 28.000 Dollar kostet es, sich vom CI einfrieren zu lassen. Ein großer Teil davon geht an die beteiligten Bestattungsinstitute. Den Rest legt das CI an, langfristig, Gold, Fonds, Staatsanleihen, so breit, dass es fast kein Risiko gibt, sagt Kowalski. Aus den Zinsen bezahlt das Institut die laufenden Kosten. Vor allem den flüssigen Stickstoff, 1.600 Dollar alle drei Wochen.

Die meisten Kryoniker finanzieren ihre Konservierung über eine Lebensversicherung. Aaron Winborn konnte das nicht. Als er sich für die Kryonik entschied, war er bereits todkrank, die Familie stand vor dem finanziellen Ruin. Winborn, der Hauptverdiener, konnte nicht mehr arbeiten, und die Behandlung verschlang jeden Monat Tausende Dollar. Also wandte er sich an die Internetgemeinde. Er schrieb: "Viele von euch haben so viel für mich getan. Ich hasse es, nach mehr zu fragen. Vor allem, wenn es aussieht wie eine Extravaganz. Aber ist es das wirklich? Kryonik ist eine potenziell lebensrettende Maßnahme. Ich liebe das Leben. Ich habe noch so viel zu tun: Bücher schreiben, Spiele entwickeln, Lieder singen, Gärten bepflanzen, Häuser bauen, Raumschiffe fliegen. Und natürlich Menschen lieben. Bitte helft mir, meinen Todeswunsch zu erfüllen."

Es dauerte einige Monate, bis das Geld zusammen war. "28.000 Dollar – billiger geht es nicht", sagt Kowalski. "Knapper darf man nicht kalkulieren, sonst passiert vielleicht ein zweites Chatsworth."

Chatsworth. Ein Wort, ein Trauma. Die Ursünde der Kryonik, die noch heute, fast 50 Jahre später, einen langen Schatten wirft.

Einer der ersten Kryoniker war Robert Nelson, ein einfacher Mann, Fernsehmechaniker, begeistert von der Idee, aber chronisch pleite. Als Ende der sechziger Jahre einige seiner Freunde starben, lagerte er ihre Leichen in einem selbst gebauten Container. 1970 kaufte Nelson eine Gruft im kalifornischen Chatsworth. Als er den Container hinbrachte, waren bereits vier Menschen darin. Es starben weitere Freunde. Nelson fror sie ein. Ein zweiter Container kam dazu, obwohl der erste schon undicht war. Keiner der Eingefrorenen hatte Geld hinterlassen, um den Unterhalt zu finanzieren. Also zahlte Nelson alles selbst. Bald musste er fast täglich Stickstoff nachfüllen, so undicht waren die Container. 1971 ging ihm das Geld aus. Er ließ die Leichen auftauen.

"Bob Nelson hat uns sehr geschadet. Er hat es bestimmt gut gemeint, aber nicht bedacht, dass Tote keine Rechnungen bezahlen. Wir leiden noch heute unter dem Glaubwürdigkeitsverlust", sagt Dennis Kowalski im Auto. Es ist längst dunkel geworden.

Kowalski will keine Gruselgeschichten erzählen und muss es doch, um zu erklären, warum die Kryoniker ein Problem mit ihrem Image haben.

Ein schwerer Fehler, sagt Kowalski, sei es, dass Alcor, das Konkurrenzinstitut in Arizona, die sogenannte "Neuro-Präservation" anbietet. Heißt: Man muss dort nicht seinen ganzen Körper einfrieren lassen. Es reicht auch der Kopf.

Wissenschaftlich sei das logisch, sagt Kowalski. Wenn man alle Probleme gelöst habe, um jemanden wiederzubeleben und von dem zu heilen, was ihn einst sterben ließ, dann könne man auch einen jungen, gesunden Körper aus der vorhandenen DNA klonen, anstatt den alten mühsam zu verjüngen. "Aber es ist schwer genug, den Menschen Kryonik zu erklären. Wenn du dann noch mit Kopfabschneiden kommst, halten sie dich für Frankenstein. Insofern halte ich die Sache für einen PR-GAU."

Um 23.45 Uhr, nach knapp neun Stunden Fahrt, biegt Dennis Kowalski von der Autobahn ab in ein Industriegebiet nördlich von Detroit. Am Ende der spärlich beleuchteten Straße liegt das Cryonics Institute, ein einstöckiges Klinkergebäude mit angrenzender Lagerhalle. Das Rolltor steht offen. Von drinnen scheint Neonlicht heraus in die Nacht. Kowalski parkt seinen Transporter rückwärts ein, direkt neben den weißen, spezialgefertigten Fiberglas-Containern. Sie stehen in drei Reihen und reichen bis unter die Decke. Einer bietet Platz für sechs Personen. Für Winborn ist der Container vorne rechts vorgesehen.

Andy Zawacki, der gläubige Katholik, wartet schon. Bei ihm sind zwei Mitarbeiterinnen eines Bestattungsinstituts. Alle drei tragen einen weißen Ganzkörper-Schutzanzug und Mundschutz. Sie schieben den Sarg in einen angrenzenden Raum, weiß und steril, öffnen ihn und wuchten Winborn, 3,4 Grad kalt, auf den Operationstisch in der Mitte. Während der Operation darf der Reporter nicht mit im Raum sein. Zawacki und die Bestatterinnen legen Winborns Arterie am Hals frei und schließen eine Pumpe an. Sie ersetzen Blut und Gewebeflüssigkeit mit einer Lösung aus Ethylenglykol und Dimethylsulfoxid – ein Frostschutzmittel, das sich nicht ausdehnt, wenn es gefriert, sondern verglast. Die künstliche Variante dessen, was den Waldfrosch überleben lässt.

Je mehr Lösung in Winborns Körper geflossen sei, desto bronzefarbener sei seine Haut geworden – ein Zeichen dafür, dass die Blutbahnen intakt seien, sagt Zawacki nach der Operation. "Besser hätte es nicht laufen können." Dennoch: Niemand hier macht sich Illusionen. Einiges an Frostschäden wird entstehen, Neuronen im Gehirn werden voneinander getrennt werden. Die Methode ist nicht perfekt. Es bleibt die Hoffnung, dass die Ärzte der Zukunft diese Schäden beheben können.

Um 2.30 Uhr morgens, 14 Stunden nachdem Winborns Herz aufgehört hat zu schlagen, legen Zawacki und Kowalski ihn in die Kühlbox hinten in der Halle. Darin wird er auf minus 196 Grad gekühlt, ganz langsam, um Frostbrüche zu vermeiden.

Sechs Tage verstreichen, bis Aaron Winborn an einem Montag um 16 Uhr seine letzte, vielleicht auch zwischenzeitliche Ruhestätte im weißen Container findet. Eingepackt in Schlafsäcke, lagern darin schon vier andere Leichen, senkrecht, eng aneinander. Ein sehr dicker Mann nimmt viel Platz ein, aber Winborn passt noch daneben. Kopfüber lässt ihn Zawacki hinunter in den flüssigen Stickstoff, der an der Luft raucht wie nasses Holz im Feuer. Jeden Tag wird Zawacki den Pegelstand prüfen, einmal pro Woche ein bisschen Stickstoff nachfüllen.

Demnächst wollen sie hier einen Trauerraum einrichten – ein bisschen was Persönliches an einem sterilen Ort. Dort wird Gwen ihren toten Mann besuchen können, Ashlin und Sabina werden ihrem Vater nahe sein.

Am Ende seines Lebens hat Aaron Winborn versucht, seinen Töchtern das Prinzip der Kryonik zu erklären. Ashlin sagte, sie wolle so was später auch machen. Das hat ihm Mut geschenkt. Vielleicht sieht er sie ja irgendwann wieder.

Zawacki, Kowalski, Winborn und all die Menschen, die jetzt in den weißen Containern liegen: Sie haben dem Tod den Kampf angesagt. Zurücklächeln ist ihnen nicht genug. Sie wollen beweisen, dass auch der alte Römer Marcus Aurelius nur ein weiterer kluger Kopf war, der einem Irrglauben seiner Zeit aufsaß – einer Zeit, in der die Menschen im Durchschnitt etwa 30 Jahre alt wurden.