Teplitz, Juli 1812: Johann Wolfgang von Goethe, 62, und Ludwig van Beethoven, 41, spazieren gemeinsam durch den Kurpark. Da kommt ihnen Maria Ludovika Beatrix von Österreich-Este mit ihrer Entourage entgegen. Goethe springt sofort zur Seite, zieht in tiefer Demut seinen Hut. Beethoven aber hält rigide Kurs, rückt nur ein wenig den Zylinder zurecht – und siehe da: Der Hofstaat bildet für ihn selbstverständlich eine Gasse. Später belehrt der Komponist den Dichter: "Auf Euch habe ich gewartet, weil ich Euch ehre und achte, wie Ihr es verdient. Jenen aber habt Ihr zuviel Ehre angetan." Diese schöne Geschichte, die sich kurz nach dem historischen ersten Treffen der beiden Kulturdenkmäler zugetragen haben soll, geht zurück auf Bettina von Arnim, geborene Brentano. Aber wo auch immer die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit im konkreten Fall liegen mag – Fakt ist: Beethoven schrieb am 3. August 1812 tatsächlich, als hätte er den besagten Spaziergang im Kopf: "Göthe behagt die Hofluft zu sehr, mehr als es einem Dichter ziemt." Und am 2. September äußerte sich schließlich auch Goethe entsprechend: "Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt; allein er ist leider eine ungebändigte Persönlichkeit."

Nach den gemeinsam verbrachten Tagen in Teplitz sollten sich Goethe und Beethoven nie wieder begegnen. Aber Goethe hatte seine eigene Methode entwickelt, großen Geistern wie Beethoven trotz geografischer – oder historischer – Ferne nahe zu sein: Er sammelte ihre Autografen.

"Ihr schwebt, ihr Geister, neben mir; Antwortet mir, wenn ihr mich hört!" – wie Faust in seiner Studierstube hatte Goethe sich nämlich der Magie ergeben. So schrieb der Dichter 1811 an Sulpiz Boisserée: "Ich mag die Geister der Entfernten und Abgeschiedenen gern auf jede Weise hervorrufen und um mich versammeln." Und 1812 bekam Friedrich Heinrich Jacobi explizit zu lesen: "Da mir die sinnliche Anschauung durchaus unentbehrlich ist, so werden mir vorzügliche Menschen durch ihre Handschrift auf eine magische Weise vergegenwärtigt." Nach der Idee, dass eine Berührung nach der Berührung energetisch fortwirkt, war Goethe also in der Lage, ein fernes Individuum über "das Blatt, wo seine Hand geruht", herbeizuhexen – die Kernkompetenz eines jeden Sammlers von Manuskripten bis heute.

In Berlin werden jetzt Autografen von Beethoven, Goethe und Arnim versteigert

Man kann Autografen auch als historische Puzzlestücke, als biografische Wertpapiere begreifen, analysieren, einsortieren und taxieren. Das Berliner Antiquariat J. A. Stargardt, eine der weltweit ersten Adressen auf dem Gebiet, macht das seit vielen Jahrzehnten sehr erfolgreich: Am 5. und 6. April findet im Kempinski Hotel Bristol die jährliche Auktion statt, bei der zu drei- bis fünfstelligen Euro-Beträgen rund 900 Lose aus den Bereichen Musik, Literatur, Wissenschaft, Bildende Kunst, Theater und Geschichte zum Aufruf kommen. Und sowohl Johann Wolfgang von Goethe, als auch Ludwig van Beethoven und Bettina von Arnim sind vertreten.

Von Beethoven kann ein vierseitiger Schmierzettel aus seinen letzten Lebenstagen ersteigert werden, mit geschätzten 50.000 Euro das Glanzstück der Offerte. Die vom 11. März bis zum 22. April 1826 reichenden, impulsiv hingeworfenen Notizen betreffen den Komponisten-Alltag in allen Höhen und Tiefen. Mit einer Zeile ("am 16ten der Kurir nach Petersburg mit mein Brief an galitzin!") wird ein musikalischer Achttausender gestreift – das von Nikolaj Borisowitsch Fürst Galitzin in Auftrag gegebene B-Dur Streichquartett Opus 130 mit der unter "Thränen der Wehmuth" komponierten Cavatina. Ein weiteres Thema ist dann wohl der Neffe Karl, für den Beethoven das Sorgerecht, aber – zum beiderseitigen Unglück – nur selten das richtige Gespür besaß ("am Mittwoch den 5ten Aprill das Unglück"). Man erfährt aber auch, dass sich noch "6 Krüge Selterwasser im Keller" befinden und "bejde Dienstboth mit 14 täg entlaßen" wurden – kein Wunder, bei dem Chaos in der Beethovenschen Wohnung. So berichtete Carl Maria von Weber: "Grösste Unordnung, Musik, Geld, Kleidungsstücke auf dem Fussboden, auf dem unsauberen Bette Wäsche gehäuft, der offenstehende Flügel mit dickem Staube bedeckt, zerbrochenes Kaffeegeschirr auf dem Tische."