Es ist schon lustig: Jeder, der heute im Literaturbetrieb mittleren Alters ist, ob Autor, Kritiker oder Lektor, wurde akademisch mit Roland Barthes’ These vom Tod des Autors sozialisiert. Texte hatten als Funktionen von Diskursen gelesen zu werden, die Beteiligung eines Subjekts an der Textproduktion war unter allen Umständen zu ignorieren. An einer deutschen Universität der neunziger Jahre wäre man lieber gestorben, als in einem Hauptseminar das A-Wort in den Mund zu nehmen.

Dabei war die Form, in der Autoren zu Roland Barthes’ Zeiten in Erscheinung traten, ausgesprochen diskret: Äußerstenfalls bekam er 30 Jahre nach seinem Tod eine Biografie oder zu Lebzeiten einen Eintrag ins Lexikon. Heute hingegen, im Milieu der Roland-Barthes-Schüler, wird das Autoren-Ich als Beglaubigungsinstanz seines Textes inszeniert, ausgeleuchtet und gefeiert. Noch nie war der Körper des Autors so präsent wie im Literaturbetrieb der Gegenwart.

Nirgends ist man dem Autor so nah wie auf der Leipziger Buchmesse. Aus dem Strom der Messebesucher, der sich durch die Gänge schiebt, muss man nur bei einer der unzähligen Leseinseln ausscheren, auf einem Hocker Platz nehmen, und schon ist man in eine Lebensgeschichte eingetaucht: Man lauscht dem Autor und schaut in sein Gesicht. Und wenn der Roman von den sozialen Reaktionen eines dunkelhäutigen Phänotyps erzählt wie bei Senthuran Varatharajah, der als Kind mit seinen Eltern aus Sri Lanka nach Deutschland geflohen ist, dann ist es ja auch ein nicht zu leugnender Mehrwert, Varatharajahs an Hegel und Hölderlin geschultes Deutsch im Ohr zu haben, aber vor Augen ein tamilisches Gesicht. Oder ist das ein atavistischer Reflex, dass es nicht gelingt, die Körper-Text-Effekte zu unterdrücken? Natürlich fragt die Moderatorin nie nach dem wirklichen Leben, sondern spielt immer über die Bande des Romans. Aber das hindert den Zuhörer nicht an eigenen Assoziationen.

Die Frage "Wie autobiografisch ist Ihr Text?" brennt jedem auf der Zunge. Sie ist die klassische Zuschauerfrage bei Lesungen. Vielleicht sollten wir uns zu unserer Neugier bekennen. Es ist neurologisch unmöglich, Johanna Adorjáns Roman Geteiltes Vergnügen über eine heftig unselige Liebe zu lesen, ohne sich zu fragen: Wie autobiografisch ist das wohl? Bücher sind sublimierte Formen der Indiskretion, der Leser ist ein kulturell veredelter Voyeur.

Der Realpräsenz des Autors, wie ihn die Leipziger Buchmesse feiert, kommt der Trend zu einem neuen Genre entgegen, das in den USA schon lange eine Leitgattung darstellt: das Memoir. Das Memoir hatte es in Deutschland bisweilen noch schwer, weil man hier streng zwischen Belletristik und Sachbuch unterschied, das nicht fiktive Erzählen aber genau dazwischen liegt. Von Sacha Batthyanys Und was hat das mit mir zu tun? bis zu Benjamin von Stuckrad-Barres Panikherz zeigt das Genre jetzt auch in Deutschland, wie viel psychologische Energie und literarische Kunstfertigkeit es zu vereinen versteht. Der neue Roman von Maxim Biller, der nächste Woche erscheint, trägt schon gleich den Titel Biografie. Es sind Bücher, bei denen die Frage, wie autobiografisch das jetzt sei, überflüssig geworden ist. Der Autor lebt.